Der MVV-Vorzeigelandkreis

von Redaktion

VON JOHANNES WELTE UND MATTHIAS SCHNEIDER

Fürstenfeldbruck – Geht es um Klimaschutz und überfüllte Straßen, wird oft der Öffentliche Nahverkehr ins Spiel gebracht. Doch dieser ist gerade auf dem Land teilweise weit davon entfernt, eine gangbare Alternative zum privaten Fahrzeug darzustellen.

Nicht so in Fürstenfeldbruck. Hier liegt das am zweitbesten ausgebaute Netz öffentlicher Verkehrsmittel in der ganzen Bundesrepublik, wie eine am Freitag veröffentlichte Erhebung des Interessenverbandes Allianz pro Schiene zeigt. 99,4 Prozent der Menschen leben hier maximal 600 Meter von einer Bushaltestelle, beziehungsweise 1200 Meter von einem Bahnhof entfernt. Gewertet wurden nur Stationen, die pro Tag mindestens zehn Fahrten pro Richtung anbieten. Besser bewertet wurde nur der hessische Main-Taunus-Kreis mit 99,5 Prozent. Platz 3 belegte das württembergische Esslingen mit 99,3 Prozent.

Beim MVV-Nahverkehr in Fürstenfeldbruck hält seit über 25 Jahren Hermann Seifert die Fäden in der Hand. Er ist der Stabstellenleiter ÖPNV am Landratsamt: „Das Herz unseres Systems sind die Tangential-Buslinien“, erklärt Seifert. „Mit den Buslinien schneiden wir die drei S-Bahnstrecken, die den Landkreis Richtung München durchqueren“, führt Seifert weiter aus. Dadurch entstehe bereits ein relativ engmaschiges System. Seifert sagt: „Der Westen ist relativ dünn besiedelt, die München zugewandte Seite relativ dicht.“ Deshalb fahren die Busse im Westen mindestens alle 40 Minuten, im Osten teilweise aber alle zehn Minuten. Viele Linien werden sogar bis 22 Uhr befahren. Nachts gibt es ein Ruftaxi, das man sogar mit Abo-Karten nutzen kann. Für Seifert ist das Rund-um-die-Uhr-Angebot eine Selbstverständlichkeit. Und das kann sich auf manchen Linien lohnen: „Wenn die S-Bahn alle 20 Minuten kommt und der Bus nur alle 40 Minuten, wird ihn niemand nutzen. Ein Taktverstärker bringt überproportional mehr Fahrgäste – und das erhöht die Kostendeckung.“ Und das Angebot soll noch weiter verbessert werden: „Nächstes Jahr wollen wir unsere Mobilitätsstationen in das System integrieren“, so Seifert. Hier sollen Nutzer sich E-Roller, Fahrräder oder E-Autos für die letzte Meile leihen können.

Das Fürstenfeldbrucker Verkehrsnetz ist mehr Ausnahme als Regel, zeigt die Erhebung von Allianz pro Schiene. Demnach bilden fünf ostbayerische Landkreise die Schlusslichter. Am schlechtesten angebunden ist der von Europas größtem BMW-Werk geprägte Landkreis Dingolfing-Landau. Hier haben nur 29 Prozent der Menschen Zugang zu einem annehmbaren Nahverkehrsangebot. Die Anbindung ist so mangelhaft, dass BMW eigene Werksbusse einsetzt. „Und die sind superpünktlich“, wie Bund Naturschutz-Kreisvorsitzender Alois Aigner sagt. Er findet, dass es am politischen Willen fehlt: „Für eine Berufsschule wurden 300 Parkplätze eingerichtet, obwohl nur 60 vorgeschrieben wären. Der Landrat war stolz, dass es auch noch SUV-gerechte Parkplätze sind.“ Dafür würden die öffentlichen Verkehrsmittel vernachlässigt: „Vor 40 Jahren brauchte ich mit dem Zug nach München von Dingolfing 55 Minuten, heute sind es eineinviertel Stunden. Damals gab es noch keine Autobahn.“ Ein Sprecher des Dingolfinger Landratsamtes betont indes, dass der Bericht die Realität verzerre: „Die Erhebung ist nicht auf den Bedarf der einzelnen Landkreise abgestellt und liefert so ein verfälschtes Bild.“

Ostbayern oft abgehängt

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