„Hoffentlich hast du die noch nicht“

von Redaktion

SAMMLER-SERIE Postkarten mit Herrscher-Porträts aus der Zeit um 1900

Tegenau – Adressiert ist die Postkarte an „Fräulein“ Agnes Alt, und schon an dieser Anrede merkt man vielleicht, dass es sich um ein etwas älteres Schriftstück handeln muss. „Anbei zur Bereicherung deiner Kartensammlung, liebe Agnes“ – so fährt der Absender der Postkarte, ein gewisser Heinz, fort – „einen Gruss aus Posen.“ Datiert ist die Postkarte auf den 21. August 1916 – es ist mitten im Ersten Weltkrieg. Agnes Alt, die der Heinz noch mit „Gruss und Kuss“ bedenkt, ist eine junge Frau. Sie lebt im (damals bayerischen) St. Ingbert in der Rheinpfalz. Und sie sammelt Postkarten. Nicht irgendwelche, sondern gezielt Postkarten mit Herrscherporträts. Heinz schickt ihr eine mit Generalfeldmarschall von Hindenburg mit Gemahlin.

Postkartensammeln war um die Jahrhundertwende groß in Mode. Es war das „goldene Zeitalter“ der kleinen Karten. Für das Jahr 1900 sind knapp 955 Millionen beförderter Postkarten in der Statistik ausgewiesen. Eine unvorstellbare Anzahl, die im Zeitalter von WhatsApp wohl nie wieder erreicht werden wird. Zum Vergleich: 2014 beförderte die Deutsche Post 210 Millionen Postkarten.

Auch Agnes Alt erhielt einen ganzen Stapel – Verwandte und Bekannte wussten offenbar von ihrer Leidenschaft und deckten sie ein. „Wie gefällt Dir diese Karte? Sie ist eine der aller Neuesten“, heißt es da. Zu sehen ist Kaiser Wilhelm II. „im Gespräch mit den Kindern des Kronprinzen“. Ihr Papa bedenkt sie auch: „Hoffentlich hast du diese Karte noch nicht“, schreibt er – die Karte zeigt Prinz Hubertus von Preußen, „jüngster Sohn unseres Kronprinzenpaares“.

Prinzen und Prinzesschen, Kaiser, Könige und Adlige, bekannte und unbekanntere (oder kennt jemand Prinz Eitel Friedrich nebst Gemahlin?) – die Postkartensammlung der Agnes Alt ist so etwas wie ein „Goldenes Blatt“ der Jahrhundertwende: viele, viele Adlige und Promis, die sich von ihrer besten Seite zeigen. Auch Wittelsbacher sind zu sehen: Prinzessin Hildegard und Adelgunde von Bayern etwa, und ganz oft Prinzregent Luitpold, den nicht wenige Bayern liebten. „Unserer lieben fleißigen Agnes zum Geburtstage unseres Regenten die besten Grüße“, schreibt eine gewisse Elisabeth 1911 – da war Luitpold gerade 90 Jahre alt geworden. Die Kaiser und Könige scheuten sich auch nicht, ihren Nachwuchs auf Postkarten in Umlauf zu bringen. Prinz Alexander Ferdinand, Sohn des Prinzen August Wilhelm von Preußen etwa. Oder Prinz Luitpold von Bayern. Der kleine Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Und so weiter und so fort …

Agnes Alt ist seit Langem tot. Wie ging es mit ihrer Sammlung weiter? Das ist eine weitere Geschichte: Die Postkarten erbte ihr Sohn Heinz Bestas, der aus Ratingen stammte und später in Tegenau lebte, einem Dorf, das zu Frauenneuharting im Landkreis Ebersberg gehört. Dr. Bestas, ein Jurist und Anwalt, war befreundet mit dem örtlichen Kfz-Meister Wolfgang Klinger. Weil Bestas einige alte Autos hegte und pflegte, fragte er Klinger oft um Rat. „Du musst da mal reinschauen“, hieß es dann.

Vor zwei Jahren, im August 2019, ist Bestas im Alter von 81 Jahren verstorben. Seine Lebensgefährtin sortierte nun den Nachlass und fand die in Briefumschlägen verwahrten alten Karten, die sie an Wolfgang Klinger weitergab. „Mir hatte er nie etwas davon erzählt“, sagt Klinger. DIRK WALTER

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