Projekt Pinkelpause

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München/Dummerstorf – Stubenreine Rinder gibt’s nicht? Gibt’s doch. Das hat nun ein Team um den Tierpsychologen Jan Langbein vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock gezeigt. Die Forscher haben Kälber darauf trainiert, ihren Urin nur an bestimmten Stellen im Stall abzulassen. Und dabei geht es um mehr, als nur die Auffassungsgabe von Rindern zu beobachten.

„Normalerweise geht man davon aus, dass Rinder nicht in der Lage sind, ihren Stuhlgang oder ihr Urinieren zu kontrollieren“, sagt Jan Langbein. Doch Rinder seien wie viele andere Tiere auch ziemlich intelligent. „Warum sollten sie nicht auch lernen können, wie man eine Toilette benutzt?“ Dieser Frage gingen die Forscher nach.

Sie errichteten spezielle Latrinen für die 16 Kälber im Versuchsstall. Zuerst lernten die Tiere, dass es eine Futterbelohnung gibt, wenn sie in einem mit Kunstrasen ausgelegten Bereich urinierten. In einer zweiten Phase wurde der Auslauf der Tiere erweitert. Aber immer, wenn die Kälber ihre Pinkelpause außerhalb der Latrine einlegten, wurden sie mit einer kurzen Dusche bestraft. Bei fachgemäßer Benutzung der „Kuhtoilette“ gab es weiterhin die Futterbelohnung. Und tatsächlich: Nach einigen Wochen gelang es den Wissenschaftlern, elf der 16 Kälber erfolgreich zu trainieren. Bemerkenswerterweise zeigten die Kälber ein Leistungsniveau, das mit dem von Kindern vergleichbar und dem von sehr jungen Kindern überlegen war, heißt es in einem Aufsatz zur der Studie, der in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Current Biology“ erschienen ist. Nun wollen die Forscher ihre Ergebnisse in die Praxis und Rinderställe und auf Freilandanlangen übertragen – und damit die Stallsauberkeit verbessern, das Infektionsrisiko für die Tiere senken und die Emissionen senken.

Die Emissionen waren auch ein Hauptgrund für diesen etwas ungewöhnlichen Feldversuch. Wolfgang Müller, Koordinator für Rinderhaltung bei den Bayerischen Staatsgütern in Grub (Kreis Ebersberg), erklärt, warum die Ausschneidungen im Stall ein Problem für die Umwelt sein können: „Wenn sich Harnstoff und Kot der Rinder mischen, zersetzen Bakterien die Inhaltsstoffe in Ammoniak und Kohlendioxid.“ So können klimaschädliche Gase entstehen. „Wenn es also gelingen würde, Harn und Kot der Rinder schnell zu trennen, dann kann das ein Beitrag sein, um Emissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren“, sagt Müller.

Die Toiletten-Dressur des Forscherteams aus Norddeutschland beobachtet er mit Interesse: „Man muss kreativ sein, sonst praktizieren wir Stillstand.“ Aber ob sich diese Methode in den Betrieben in der Praxis bei den Landwirten wirklich umsetzen lässt, da hat er seine Zweifel. Doch es gibt Alternativen: „Gerade wird viel mit neuen Böden im Stall experimentiert“, sagt er. Ein weicher Untergrund mit Rillen, durch die der Urin ablaufen kann und somit schnell vom Kot getrennt wird, könne eine Lösung sein. Die Herausforderung für die Zukunft seien tierwohlgerechte, emissionsarme und digitalisierte Ställe. Daran wird am Versuchszentrum in Grub gearbeitet. In den nächsten Jahren soll ein weiterer Stall entstehen, in dem speziell das Tierverhalten erforscht und beobachtet wird.

Dass die jungen Kühe sich den Toilettengang beibringen lassen, wundert Müller aber nicht. „Rinder haben den Gehirnstatus eines Kleinkindes.“ Dank dieser Intelligenz ist auch die Nutzung von Melkautomaten möglich. Dabei werden die Kühe ebenfalls mit einer Fressbelohnung auf den Melkstand gelockt. Der Mythos von der dummen Kuh ist also längst widerlegt – auch ohne das Projekt Pinkelpause.

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