Den alten Obstsorten auf der Spur

von Redaktion

VON STEPHANIE EBNER

Weilheim/Bad Tölz – „Es ist schon unglaublich viel Wissen verloren gegangen“, sagt Eva Bichler-Öttl, Projektmanagerin vom Biodiversitätsprojekt „Alte Obstsorten im oberbayerischen Alpenvorland“. Wer von Äpfeln spricht, denke heute in der Regel an Granny Smith, Pink Lady oder Golden Delicous. „Dabei wuchsen früher Hunderte von verschiedenen Apfelsorten auf unseren Streuobstwiesen.“ Viele Sorten seien mittlerweile unbekannt oder sogar schon vergessen.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Obstbau für die Selbstversorgung der Bevölkerung von großer Bedeutung. Die Früchte dienten nicht nur als Tafelobst, sondern wurden auch für vielfältige Zwecke wie z. B. die Herstellung von Saft, Most, Brand oder Dörrobst verwendet. Entsprechend groß ist die Zahl an Sorten, die ausgelesen und von den Landwirten selbst kultiviert und vermehrt wurden. „Heute werden dagegen nur noch Allrounder gezüchtet“, bedauert Bichler-Öttl.

Seit 2015 suchen sogenannte Pomologen (Sortenkundler) im Auftrag der Regierung von Oberbayern seltene Apfel- und Birnensorten. Es geht um die Erhaltung der Sortenvielfalt. Das Team des „Apfel-Birne-Berge“-Projekts hat inzwischen 250 Obstbäume im bayerischen Alpenvorland wiederentdeckt. An dem Projekt beteiligen sich die Landkreise Traunstein, Rosenheim, Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau, das Berchtesgadener Land sowie der Bezirksverband Oberbayern für Gartenkultur und Landespflege. Das Projekt hat die Aufgabe, sich um das Fortbestehen dieser Raritäten zu kümmern.

Projektmanagerin Eva Bichler-Öttl erklärt die Vorgehensweise: „Die bisher unbekannten Sorten werden sorgfältig dokumentiert und genetisch weiter untersucht.“ Ziel sei es, die wiederentdeckten Obstbäume nachzuziehen. „Anschließend werden die Sorten in allen teilnehmenden Landkreisen ausgepflanzt.“ Sorten, die vor dem Aussterben bedroht sind, sollen zunächst an öffentlichen Orten zugänglich gemacht werden. Später, in ein paar Jahren, soll es diverse alte Obstbäume über ausgesuchte Baumschulen zu kaufen geben.

Bereits im Herbst 2023 – wenn alles nach Plan läuft – können Interessierte die ersten Früchte in den „Erhaltungsgärten“ der angeschlossenen Landkreise probieren. Klappt alles, soll es öffentliche Führungen mit Verkostung geben. Eva Bichler-Öttl ist sich sicher, dass die Retter alter Sorten in den kommenden Jahren noch viele weitere bereits vergessene Sorten finden. „Die Sehnsucht, das Alte wieder zu entdecken, liegt derzeit voll im Trend.“

Für die Obstbauern war das Jahr 2021 schwierig

Wer selbst einen alten Baum im Garten hat, den er für etwas Besonderes hält, kann Fruchtproben an das Kompetenzzentrum für Obstbau in Bavendorf schicken.

Zudem besteht die Möglichkeit, den eigenen Obstbaum gezielt selbst nachzuziehen. Eva Bichler-Öttl erklärt dazu die Vorgehensweise: „Hierzu werden von den Altbäumen sogenannte Reiser geschnitten und diese auf Jungbäume, sogenannte Unterlagen, veredelt.“ Viele Baumschulen bieten einen Veredelungsservice an.

Das alles geschieht, damit das genetische Potential der Region nicht unwiederbringlich verloren geht. Laut Eva Bichler-Öttl wird die Obsternte in diesem Jahr eher schlecht ausfallen. Das Jahr 2021 war schwierig, es startete mit einem kalten Frühjahr und späten Frösten, außerdem hat in manchen Regionen der heftige Hagel die Ernte fast komplett zerstört.

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