München – Schon heute stoßen Pflegekräfte jeden Tag an ihre Grenzen. Überall fehlen Fachkräfte – um das zu ermitteln, wäre keine neue Studie nötig gewesen. Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) hat allerdings untersuchen lassen, wie die fachpflegerische Versorgung in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird – und zwar für alle bayerischen Städte und Landkreise. In der Studie sind alle Daten zusammengeführt, die dafür entscheidend sind. Die Wissenschaftler haben nicht nur die Zahl der Pflegekräfte und offenen Stellen in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und bei den ambulanten Diensten abgefragt. Sondern auch Ausbildungsplätze, Bevölkerungszahlen, Altersstrukturen und Pendlerströme in die Studie einfließen lassen. Sie haben daraus einen eigenen Index entwickelt, der anzeigt, wie die fachpflegerische Versorgung in den einzelnen Regionen aufgestellt ist. Die Skala reicht von 0 bis 50. Je höher der Wert, desto schlechter die Versorgung.
Bayernweit liegt dieser Index bei 31,22. Elf der insgesamt 18 Planungsregionen liegen unterhalb dieses Durchschnittswertes. Größtes Sorgenkind aber ist die Planungsregion München, zu der neben der Landeshauptstadt die Landkreise Ebersberg, Erding, Freising, Dachau, München, Fürstenfeldbruck und Landsberg am Lech gehören. Dort liegt der Versorgungsindex sogar bei 42,96.
Besonders die Kreise rund um München sind vom demografischen Wandel stark betroffen. Die Ausbildungszahlen sind aber in Relation zu den bestehenden Stellen gering. Und auch andere Regionen bereiten den Pflege-Experten Sorgen – es gebe keine, die gut aufgestellt ist. Mit dem Status Quo sei die Pflege in Zukunft nicht mehr zu halten, betont Bernhard Krautz, Jurist der VdPB. „Wir laufen da sehenden Auges in eine Versorgungskatastrophe hinein.“ Wenn das Gesundheitssystem nicht völlig neu aufgestellt werde, komme es früher oder später zum Kollaps, prognostiziert er.
Dafür sei nicht nur die Bundespolitik gefordert, sondern auch die Regionen. „Die Studie soll den Kommunen deutlich machen, was in den nächsten Jahren auf sie zukommt“, sagt VdPB-Präsident Georg Sigl-Lehner. Alle Akteure müssten Allianzen aufbauen und an einem Strang ziehen, um die Pflege vor Ort zukunftsfähig aufzustellen. Deshalb stellt die Vereinigung der Pflegenden ihre Monitoring-Studie in allen Regierungsbezirken vor und bringt alle Akteure zusammen an einen Tisch, um Lösungsansätze zu diskutieren, neue Kooperationen aufzubauen und voneinander zu lernen. Ein Ziel müsse es sein, häusliche Versorgungsstrukturen zu stärken. Mit intelligenten Konzepten könnten mehr Menschen länger zuhause versorgt werden. Ansätze könnten neue Arbeitszeitmodelle sein oder flexiblere Öffnungszeiten von Kindertagesstätten. „Den Regionen kommt eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Gesundheitspolitik zu“, betont auch Thomas Klie, der die Studie zusammen mit Michael Isfort geleitet hat.
Eines machen die Wissenschaftler deutlich: Selbst mit mehr Ausbildung und Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland werde der Pflegenotstand in Deutschland größer. „Die Versorgung muss grundlegend und kleinräumig überdacht werden“, betont Krautz. Die Studie habe gezeigt, wie heterogen Bayern aufgestellt sei.