Ein „Massl“ für Bayerns Mundart

von Redaktion

Politiker Marcel Huber sieht seinen Dialekt als Emotionsträger – dafür bekam er nun die Bairische Sprachwurzel

Gotzing – Wenn Marcel Huber den Mund aufmacht, überlegt er nicht. Zwar weiß der CSU-Landtagsabgeordnete natürlich, was er gleich sagen will – über das Wie mache er sich aber wenig Gedanken. „Es gibt logischerweise Situationen, in denen es notwendig ist, Hochdeutsch zu reden, damit einen auch jeder versteht. Etwa wenn es um Juristisches geht“, erklärt Huber – heute auf Bairisch. Schließlich sitzen um ihn herum in der Gotzinger Trommel, einem 400 Jahre alten Wirtshaus im Landkreis Miesbach, nur absolute Kenner der baierischen Mundart.

Abseits diffiziler Juristereien spricht der ehemalige Umweltminister bekanntlich am liebsten frei Schnauze – oder wie man auf Bairisch sagt: „Mei, da Huaba red’ hoid so, wia erm da Schnobe gwochsn is.“ Und genau dafür will Sepp Obermeier, der Vorsitzende des Bunds Bairische Sprache, den 63-jährigen Politiker mit der Bairischen Sprachwurzel auszeichnen. „Wie kein anderer Politiker gibt Huber sein mittelbairisches Idiom stets zu erkennen. Viele trauen sich das nicht“, betont Obermeier, der den Preis im Zeichen der Mundart heuer bereits zum 17. Mal vergibt.

„Da hört man sich erst einmal selbst zu. Wie rede ich überhaupt mit den Leuten? Auf der Straße, im Bierzelt und mit meinen Feuerwehr-Kameraden natürlich im Dialekt“, sagt Huber, als er den über zehn Kilogramm schweren Preis aus Kristall in den Händen hält. „Aber dann ist mir aufgefallen: Ich rede Bairisch, weil ich die Leute so emotional ganz anders erreichen kann – und ich mich so auch selbst ganz anders äußern kann.“ Wie etwa bei der Hochwasserkatastrophe 2013 im Raum Deggendorf. „In ihrer – also unserer – Sprache konnte ich den Betroffenen mein Mitleid doch ganz anders ausdrücken“, sagt Huber, der damals auch alle Pressekonferenzen auf Bairisch abhielt. Von Herzen, wie er sagt, ohne vorher darüber nachzudenken.

„2016 hielt Marcel Huber die Eröffnungsrede des Straubinger Gäubodenfestes ebenfalls in seinem Ampfinger Basisdialekt“, erzählt Obermeier. Ein Tabu-Bruch, der imponiert. Davor hatten es alle ebenfalls dialektkundigen Eröffnungsredner vermieden, auch nur einen mundartlichen Satz zu artikulieren.

Einen Seitenhieb auf Horst Seehofer will Obermeier sich an dieser Stelle nicht verkneifen: „Der Innenminister spricht den Namen Marcel nie korrekt aus. Mit seinem kleinen Sprachfehler, dem Zäpfchen-R, titulierte er seinen Staatskanzleichef immer als Massl-Huber.“ Jetzt passe das bairische Wort „Massl“, das so viel wie unverdientes Glück bedeutet, aber: „Wer seinen Dialekt täglich ganz selbstverständlich lebt, ist ein Massl für das Bairische.“

Aber braucht’s dafür überhaupt einen Preis? Auf jeden Fall, finden Sepp Obermeier und Professor Reinhard Wittmann vom Bund Bairische Sprache. Denn beide kämpfen seit Jahren für die Mundart – weil sie sie für stark bedroht halten. „Das Bewusstsein für die Mundart und dafür, dass sie schon bald, vielleicht schon zur Jahrhundertwende, untergehen könnte, fehlt“, sagt der Literaturwissenschaftlicher Reinhard Wittmann. „Unser Servus wurde von römischen Legionären im Inntal übernommen und wird bis heute benutzt – trotzdem hört man aus allen Ecken Hi, Tschüss oder Ciao.“ Auch Nee und Nö seien kein Standarthochdeutsch – lösten aber in Bayern das Na für Nein immer öfter ab. „So ist es auch mit den Jungs. Buam, also Buben, hört man immer seltener“, sagt Wittmann. Wie der Musiker Stefan Dettl, Historiker Richard Loibl, die Raumfahrtsingenieurin Berti Meisinger und Moderator Werner Schmidbauer vor ihm, sollte der Preisträger also weiterhin Vorbild sein – damit der Dialekt und das Lebensgfui, für das er steht, viele Generationen lang erhalten bleibt. CORNELIA SCHRAMM

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