Berlin/München – Die Heimat holt einen immer wieder ein. Zum Beispiel in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, ein vor Kurzem nach großer Sanierung wieder eröffneter Prachtbau, zu Recht gerühmt als Architekturmeisterwerk Mies van der Rohes. Und natürlich wegen der dort gezeigten Kunst im Untergeschoss des rundum verglasten Baus. Dort hängt ein Bild oberbayerischer Herkunft mit dem schlichten Titel: Rundfunksender (Fürstenfeldbruck). Gemalt hat es Georg Schrimpf (1889-1938).
Das Gemälde zeigt zwei Masten in grüner Landschaft. Eigentlich ist das Bild nicht weiter spektakulär, möchte man meinen – doch da widerspricht die Expertin der Nationalgalerie.
Schrimpf war nicht irgendwer. Der gebürtige Münchner war ein enger Freund des Schriftstellers Oskar Maria Graf. „Er war älter als ich und hatte ein viel härteres Leben hinter sich“, schreibt Graf in seiner Autobiografie „Wir sind Gefangene“ über den „Schorsch“. „Wir unterhielten uns oft Stunden und Aberstunden.“ Zusammen trieben sie sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in den Spelunken der Schwabinger Bohème rum, bei Anarchisten, Sozialisten, Künstlern, probierten im Schweizer Tessin das Kommunen-Leben aus. Wie die 1968er – nur ein halbes Jahrhundert davor.
Wie Graf verdingte sich auch Schrimpf bei Bäckern, um sich über Wasser zu halten. Die freie Zeit nutzte er zum Zeichnen und Malen. Er feierte erste Erfolge, als seine Bilder 1916, also mitten im Krieg, in Berlin ausgestellt wurden. 1918, nach der Revolution, war er als Mitglied des Aktionsausschusses revolutionäre Kunst aktiv, schloss sich also der Räterepublik an. 1920 stellte er erstmals im später abgebrannten Münchner Glaspalast aus – damals eine erstklassige Adresse.
Aber seine Kunst war eigentlich wenig revolutionär. Schrimpf war ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit – und da ist der Name Programm. Seine Landschaftsdarstellung ist fast idyllisch. Doch im Fürstenfeldbrucker Bild verlässt er diese Linie. Die Oberleitung und die Masten verweisen „stärker auf die Existenz und Intervention des Menschen“, wie Stefanie Meisgeier von der Neuen Nationalgalerie schreibt.
Erstmals war das beim Bild „Bahnübergang“ der Fall – eine stilisierte Bahnanlage, jedoch ohne Zug und ohne Menschen. Eigentümlich ist ohnehin, dass Schrimpfs Landschaftsmalerei ohne Menschen auskommt. Der technische Eingriff in die Natur war ihm genug. Es sind Geisterlandschaften.
Das Bild mit den Rundfunksendern entstand wohl um 1933. Die Sender gab es wirklich, nicht in Fürstenfeldbruck, sondern in der Nachbargemeinde Emmering, Ortsteil Untere Au. Der Fürstenfeldbrucker Stadtarchivar Gerhard Neumeier, der das Bild nicht kannte, hat auf Bitten unserer Redaktion nachgeforscht – mit Erfolg: In seinem Archiv gibt es eine Niederschrift vom 20. Juli 1927 über eine Ortsbesichtigung „zur Prüfung des Bauplatzes für einen Polizei-Funksender“. Neben den Bürgermeistern waren der Vorsitzende eines Verschönerungsvereins, die Schriftleiter der örtlichen Zeitungen und ein „Geheimer Kriegsrat“ Dr. Frank vom Landespolizeiamt zugegen.
Zwei Jahre später, am 4. Juni 1929, berichteten die Münchner Neuesten Nachrichten über den „Rundfunksender bei Bruck“: „Auf der Fahrt nach Fürstenfeldbruck gewahrt man bei Roggenstein in der Richtung Emmering auf freiem Feld drei Funktürme, zwei mit 180 Meter Abstand in Stahlkonstruktion und 100 Meter hoch, ein dritter in Holz, 35 Meter hoch.“ Weiter hieß es, die „dazwischen stehenden Baulichkeiten“, ein Stationshaus mit Maschinenraum sowie ein Büro- und Wohnhaus mit fünf Dienstwohnungen, gingen „der Vollendung entgegen“. Und: „Die vom Landbauamt München (Baurat Hocheder) durchgeführte Bauanlage ist bestimmt für den Polizeisender München (Südbayerischer Verkehrskreis). Dieser wird vom Armeemuseum hinausverlegt, um den Sender von den Einflüssen der engen Bebauung zu befreien und seine Reichweite zu vergrößern.“ Zur Erläuterung: Das Armeemuseum befand sich damals am Münchner Hofgarten – dort, wo heute die Staatskanzlei ist.
Die Sender sind längst wieder abgebaut – doch überdauert haben bis heute, versteckt im Wald und überwuchert mit Pflanzen und Moos, die Betonfundamente. Vielleicht hatte Schrimpf den Zeitungsartikel gelesen und die Sender gesucht. Er war 1929 mit seiner zweiten Frau Hedwig sowie den Söhnen Markus und Peter nach Lochhausen gezogen – das liegt nicht weit weg von Fürstenfeldbruck.
Schrimpf wurde trotz seiner „roten“ Vergangenheit in der NS-Zeit 1933 noch Professor an der Staatlichen Kunstschule in Berlin, ehe das 1937 beendet wurde. Da betrachteten die Nazis seine Kunst als „entartet“. Die Neue Nationalgalerie besitzt elf „Schrimpfs“ – neben dem Bild „Rundfunksender“ wird aber nur noch „Zwei Mädchen am Fenster“ (1928) ausgestellt. Auch die Münchner Pinakothek der Moderne besitzt einige Bilder. Schade nur, dass man sie nicht sehen kann – sie sind alle im Depot verwahrt.