München – Hans Reichelt steht in schwarzer Badehose am Langwieder See unter einem Baum. Die Sonne scheint, das Wasser ist kühl. Reichelt schreckt das nicht. Seinen Trainingsanzug hat er sorgfältig neben sich abgelegt. Am Baum lehnt ein großer Rucksack mit dem Aufdruck „Schwimmclub Wasserfreunde München“. Dort ist Reichelt aktives Mitglied. „Da ist mein Wärmemantel drin“, erklärt er. „Wenn man aus dem Wasser kommt, muss man sich aufwärmen.“
Reichelt setzt sich seine rote Badekappe auf, auf der sein Name steht, und sagt: „Ich muss mich jetzt erst mal warmschwimmen.“ Der Untergrund ist uneben, er stapft deshalb vorsichtig in den See – und zieht mit kräftigen Armzügen davon. Brustschwimmen ist seine Spezialdisziplin. Nachdem die Fotos von ihm beim Schwimmen gemacht sind, wirkt er ein bisschen enttäuscht, dass er schon wieder raus muss – und dreht gleich noch eine Runde. Wasser ist eben sein Element. Dass Reichelt schon 84 Jahre alt ist, darauf würde man nicht kommen. Dann taucht er wieder auf, schält sich aus dem See, zieht sich an und setzt seinen Strohhut auf. Er ist bereit für eine Stärkung im Biergarten.
„Ich bin schon elf Weltrekorde geschwommen“, erzählt Reichelt nicht ohne Stolz. Den ersten hat er 2006 im 200-Meter-Brustschwimmen aufgestellt. Mit einer Zeit von drei Minuten und acht Sekunden. Auch jetzt ist er noch erfolgreich. Erst im Juli hat er bei einem Wettkampf in Frankreich in seiner Altersklasse über 200 Meter Brust einen Weltrekord abgeliefert. Nicht ganz so schnell wie 2006, aber von drei Minuten und 58 Sekunden können viele Jüngere nur träumen. Wie man es schafft, in dem Alter noch so fit zu sein? „Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Beim Laufen werde ich schnell müde, aber Schwimmen – das habe ich in den Genen“, sagt er und lacht.
Geschwommen ist Reichelt eigentlich schon immer. Geboren in Mailand, war er als Bub viel am Meer. Auch sein Großvater, selber Schwimmer, ermunterte ihn zu dem Sport. Die ersten Erfolge kamen früh, mit 16 wurde er Kreismeister in Jena. Natürlich über 200 Meter Brust. Dann verschlug es ihn beruflich für das Institut für Wirtschaftsforschung nach Afrika. „Da kam ich nicht wirklich zum Schwimmen“, erzählt Reichelt. „Ich habe nur ein bisschen Wasserball gespielt.“ In Washington, wo er bei der Weltbank arbeitete, ging er zwar regelmäßig zum Schwimmen, richtig ins Wettkampfgeschehen eingestiegen ist er aber erst mit seiner Pensionierung.
Für einen nahenden Wettkampf motiviert sich Reichelt mit Training. „Ich bin von Natur aus faul“, verrät er. Aber wenn ein Wettkampf ansteht, trainiert er hart. „Das Schönste“, sagt er, „ist, wenn man wieder aus dem Wasser kommt. Da fühlt man sich so locker und fit, besonders wohl halt einfach.“ Unter Reichelts gleichaltrigen Freunden, die auch alle schwimmen, ist er der Aktivste. Es gibt zwar ein Mitglied bei den Wasserfreunden München, das ein Jahr älter ist, „aber der ist dieses Jahr aus gesundheitlichen Gründen nicht so aktiv“, sagt Reichelt.
Das Coronavirus hat auch Reichelt beeinträchtigt. „Es war nicht mehr so einfach zu trainieren“, sagt er. Er selbst hatte aber noch Glück, denn es gibt eine Kaderliste mit den bayernweit besten Schwimmern. Wer Teil der Liste ist, durfte zum Training in die eigentlich geschlossenen Bäder. „Da stehen etwa einhundert Namen drauf“, sagt Reichelt und grinst. „Ich stehe auch drauf.“
Zweimal pro Woche geht er zum Schwimmtraining und einmal ins Fitnessstudio. Auch anderen würde Reichelt Schwimmen als Sport empfehlen. „Es ist wenig belastend für Herz und Kreislauf und von einem Gebrechen erholt man sich auch wieder leichter, wenn man fit ist.“ Während er am Biertisch sitzt und erzählt, gleitet sein Blick immer wieder über das Wasser. Fast so, als möchte er gleich wieder über den Zaun in den See steigen und losschwimmen.
Reichelt ist eine Ausnahme. In Deutschland gibt es kaum mehr aktive Wettkampfschwimmer in seinem Alter. „In Europa auch nicht, aber bei Weltmeisterschaften sind es schon mehrere“, sagt er. „Besonders in Japan werden die Leute sehr alt.“ Japan ist auch sein nächstes Ziel. Er möchte an der Schwimm-WM dort im kommenden Jahr teilnehmen. Um sich zu qualifizieren, muss man eine gewisse Zeit erreichen. „Das ist nicht das Problem bei mir“, sagt Reichelt. Konkrete Pläne für die Reise hat er aber noch nicht geschmiedet. „In meinem Alter weiß man nie, was kommt.“ Er kann sich vorstellen, mit einer seiner drei Töchter, die ihn oft zu Wettkämpfen begleitet, nach Japan zu reisen. „Ich will gern dabei sein“, sagt er und das Glitzern in seinen Augen verrät, wie sehr er das will.
Wegen Corona gab es in Deutschland zuletzt keine Wettkämpfe im Becken. Reichelt hat deshalb beim Starnberger-See-Schwimmen mitgemacht. Im See schwimmt er eigentlich nicht so oft, ungewohnte Bedingungen also. „Weil es im See keine Markierungen gibt, habe ich nicht gesehen, wo ich hin schwimmen muss“, erzählt er. „Wir sollten uns an einem großen Hotel auf der anderen Seite orientieren – aber ich konnte es nicht erkennen, weil meine Schwimmbrille keine Sehstärke hat.“ Hinzu kam, dass Reichelt als einer der wenigen keinen Neoprenanzug trug, sondern nur einen Badeanzug. „Ich habe gefroren, der See war kalt. Aber ich habe eben keinen Neoprenanzug, weil ich eigentlich kein Freiwasserschwimmer bin.“
Als ältester der 334 Teilnehmer zog Hans Reichelt die zwei Kilometer lange Strecke von Possenhofen nach Leoni durch. Er schaffte die Strecke in 51 Minuten. Dass so etwas in seinem Alter nicht ohne ist, weiß er. Gefährliche Situationen oder Verletzungen gab es aber Gott sei Dank noch nie. „Nur meine Frau macht sich immer Sorgen, wenn ich im Meer zu weit rausschwimme und sie mich nicht mehr sehen kann“, sagt er und schmunzelt.
Seine Frau Paola ist es auch, die ihn vor Wettkämpfen mit Pasta versorgt – schließlich ist sie Italienerin. Ansonsten achtet Reichelt nicht auf eine besondere Ernährung. Genüsslich beißt er in seine Leberkässemmel und sagt: „So was gibt es bei uns nicht oft.“