Ein Bürgermeister auf Wirte-Suche

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Waldkirchen – Eigentlich muss sich Heinz Pollak um seine Stadt keine Sorgen machen. Die Einwohnerzahl ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren um vier Prozent gewachsen, inzwischen leben mehr als 11 000 Bürger in Waldkirchen im Bayerischen Wald. 160 neue Wohnungen sind gerade in Bau – alle bereits verkauft oder vermietet. Der Bürgermeister ist daran nicht ganz unschuldig. Pollak hatte im Frühjahr 2019 einen Aufruf gestartet, um Neubürger zu gewinnen. Er lud Interessierte ein, einen Monat in Waldkirchen probezuwohnen. Gerade für Menschen aus dem Großraum München seien Mietpreise von vier bis sechs Euro pro Quadratmeter doch eine Überlegung wert, dachte er sich. Der Plan ging auf. 400 Neu-Waldkirchner hat er seit damals gewonnen. Also startet er noch einmal einen Lockversuch – diesmal richtet er sich an Gastronome.

„Uns drohen in der Gastronomie viele Leerstände“, erklärt er. Mit der Pandemie hat das nichts zu tun. „Der Umsatz ist überall gut.“ Die Pächter stehen aber kurz vor der Rente – und finden keinen Nachfolger. Dem Ort könnten deshalb bald zwei Pizzerien verloren gehen, eine Eisdiele, eine Vinothek, ein Café, ein bayerisches Gasthaus, in einem Café wird dringend ein Konditor gesucht. „In der Innenstadt stehen bereits ein Tante-Emma-Laden und ein Gemüseladen leer.“ Auch diese Läden möchte Pollak unbedingt erhalten. „Waldkirchen hat ein großes Einzugsgebiet“, erklärt er. Außerdem kommen etliche Tagestouristen in die Gemeinde. „Ihnen müssen wir Gastro-Angebote machen.“

Deshalb beobachtet der Freie-Wähler-Bürgermeister seit einiger Zeit mit großer Sorge, wie schwer sich viele Hotels und Wirtshäuser damit tun, nach dem Lockdown Servicekräfte oder Köche zu finden. Und die Probleme, Nachwuchs für den eigenen Betrieb zu finden, waren schon vor der Pandemie groß – wie auch in vielen anderen Regionen. Pollak hat deshalb gemeinsam mit seinem Stadtrat ein Leerstands-Programm aufgesetzt. „Die Entscheidung fiel einstimmig“, erzählt er. Wer in Waldkirchen einen Gastro-Betrieb übernehmen will, bekommt vom Vermieter die ersten beiden Monatsmieten geschenkt – und von der Stadt sechs weitere. „Ideale Startbedingungen“, nennt Pollak das. Er will dieses Angebot nun so bekannt wie möglich machen. Denn er hofft, dass es sich vor allem im Großraum München rumspricht, wo die Pachtpreise sehr hoch sind und das Risiko für viele Neu-Gastronome damit zu hoch. „Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Programm Wirte finden“, sagt Pollak optimistisch.

Wenn er sich mit anderen Bürgermeistern in der Region unterhält, merkt er, dass er mit dem Problem nicht allein ist. „Überall gibt es gerade Leerstände ohne Ende“, berichtet er. Waldkirchen stehe mit vier Leerständen sogar noch relativ gut da. Für die neun Gastro-Betriebe will er eine Lösung finden, solange der Betrieb noch läuft. „Man muss ansetzen, bevor die Häuser dicht sind.“ Pollak ist Optimist genug, um eine Prognose zu wagen. „Ich bin überzeugt, dass es uns gelingt, bis Mitte nächsten Jahres für alle Betriebe Wirte zu finden“, sagt er. Und natürlich freut er sich auch über jeden weiteren Neubürger. Die niedrigen Mietpreise kann er immer noch anbieten, außerdem zehn Kindergärten, Schulen aller Schularten, ein neues Facharztzentrum – und wunderschöne Natur. Wenn nötig baut Pollak gerne noch mehr Wohnungen für Neubürger. VON KATRIN WOITSCH

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