Waldmünchen – Es war ein Wettlauf gegen die Zeit: 1400 Einsatzkräfte durchkämmten gestern den Böhmerwald im tschechisch-bayerischen Grenzgebiet. Den ganzen Tag nieselte es, die Temperaturen waren ungemütlich. Die Nacht soll kalt werden. Es wäre die dritte Nacht im Wald für die achtjährige Julia aus Berlin, die seit Sonntag vermisst wurde. Mit jedem Tag schwanden die Hoffnungen, das Mädchen lebend zu finden. „Die Chancen sinken von Stunde zu Stunde“, sagt Josef Weindl, der Sprecher des Polizeipräsidiums in der Oberpfalz gestern.
Gegen 14 Uhr kam die gute Nachricht: Julia ist gefunden. Entdeckt hatte sie der tschechischer Förster Martin Semecky. Julia war unterkühlt und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Aber sie schwebt nicht in Lebensgefahr. Nicht nur für Julias Familie war die Erleichterung riesengroß. Auch hunderte Helfer in den Suchtrupps atmeten erleichtert auf. „Da sind beim einen oder anderen Tränchen geflossen“, gestand ein Polizeisprecher. Die tschechische Polizei twitterte: „Eine hervorragende Nachricht.“ Und sogar Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sandte Glückwünsche und sprach gestern von einem Quäntchen Glück: „Wir alle haben mitgefiebert. Jetzt hoffe ich, dass sich Julia schnell von den Strapazen der letzten Tage erholt.“
Der Förster hatte Julia in der Nähe von Ceská Kubice im Gras liegend gefunden – fast vier Kilometer entfernt vom Gipfel des Cherkov entfernt, wo sie am Sonntagnachmittag verschwunden war. Förster Semecky kennt sich in der Gegend gut aus: „Es ist ein stark zergliedertes, gefährliches Terrain“, sagt er am Telefon, bevor die Verbindung abbricht. Selbst der Handyempfang ist dort sehr schlecht. „Es sind tiefe Wälder, ein Meer aus Felsen.“
Und mittendrin ein kleines Mädchen, allein bei eisigen Temperaturen. Die Achtjährige war am Sonntag mit ihren Eltern, ihrem sechsjährigen Bruder und dem neunjährigen Cousin beim Wandern gewesen. Die Kinder liefen voraus, die Erwachsenen verloren sie aus den Augen. Julias Bruder und ihr Cousin wurden von einem Radler-Paar entdeckt. Doch Julia blieb verschwunden.
Zwei Tage und zwei Nächte hatten Einsatzkräfte von Polizei, Bergwacht und Feuerwehr, Förster und Mitarbeiter des Nationalparks Böhmerwald nach Julia gesucht. Sie bildeten lange Menschenketten, Pferde waren im Einsatz, Drohnen surrten durch die Luft, Hubschrauber kreisten über dem Gebiet. Auf dem Boden versuchten Hunde, eine Spur zu erschnüffeln. Doch ohne Erfolg. Die Baumkronen sind zu dicht, es gibt kaum Lichtungen. Die Förster überprüfen Fotofallen, Hochsitze und Futterstellen für Tiere. Und sie schauen unter Felsen, von denen Julia gestürzt sein könnte.
Die Polizei vermutete, dass sich Julia verlaufen hatte. Was sie durchmachen musste, bevor sie gefunden wurde, ist noch völlig unklar. Ein Kind allein nachts im Wald, die Kälte, der Hunger – und vor allem die Angst, nicht gefunden zu werden. Sie muss sehr gelitten haben.
Dass Julia am Ende fast unversehrt wieder aufgetaucht ist, wirkt für viele wie ein kleines Wunder. Die Eltern sind überglücklich, dass sie ihre Tochter wieder in die Arme schließen konnten. Sogar Förster Semecky bekam feuchte Augen. „Ich bin total gerührt und glücklich“, sagte er dem Portal idnes.cz. „Es war die Nachricht, auf die wir drei Tage lang gewartet haben.“ (mit lby)