Von der Fachschule zur Doktor-Schmiede

von Redaktion

VON DIRK WALTER

München – An einer Rolltreppe am Münchner Hauptbahnhof steht seit einiger Zeit ein roter Würfel. Es ist einer von 23 Klötzen aus Recyclingbeton, die im Stadtgebiet verteilt wurden und an das Jubiläum der Hochschule München erinnern. Der rote Würfel ist das Wahrzeichen der HAW – der Hochschule für angewandte Wissenschaft, wie die frühere Fachhochschule nun heißt. Mit einem Festakt in der Flugwerft Schleißheim wird heute Abend an die Gründung der Hochschulen in München und anderswo erinnert. Neben Ministerpräsident Markus Söder wird auch Wissenschaftsminister Bernd Sibler eine Rede halten. Er hält die vergangenen 50 Jahre für eine „echte Erfolgsgeschichte“. Die Hochschulen seien „starke Partner für die regionale Wirtschaft“.

Dass die Hochschulen vor allem auf Wissenschaftsanwendung ausgerichtet sind, verheißt ja schon ihr Name. Ein Beispiel stellvertretend für die gut 2840 Professoren, die an den heute 17 staatlichen und zwei kirchlichen HAW in Bayern mit ihren rund 120 000 Studierenden unterrichten: Professorin Gerta Köster von der Fakultät für Informatik und Mathematik an der HAW München forscht zu Simulationen für die sichere Evakuierung großer Menschenmengen. Klingt abstrakt, ist aber wichtig. Ein Projekt, an dem Köster arbeitet: die Simulation einer Ausbreitung von Coronaviren in Menschenmengen, die zum Beispiel in der Bahn fahren. Ein weiteres Projekt: die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke, die im Brandfall schnell geräumt werden muss. Wie, das untersucht ein Münchner Start-up, das sich auf Forschungen Kösters stützt. Viele Simulationen sind abstrakt und stellen Besucher als bloße „Teilchen“ dar. Köster versucht, soziales Verhalten, unterschiedliche Schrittlängen sowie Ausweich- und Anstehverhalten zu berücksichtigen. Daher steht der rote Betonwürfel auch am Hauptbahnhof – ein Ort, an dem Forschung der HAW konkret umgesetzt wird.

Eingefädelt hatte die Aufwertung von Ingenieurschulen und diversen Fachschulen Anfang der 1970er-Jahre der damalige Wissenschaftsminister Ludwig Huber (CSU), wobei er auf Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zurückgriff. Bayern stand nicht allein, in fast allen Bundesländern entstanden damals Fachhochschulen. Es gab einen regelrechten Boom bei der Gründung von Wissenschaftseinrichtungen – auch die Errichtung der Unis in Regensburg und Augsburg fallen in diese Zeit. Die Münchner HAW hatte etliche Vorläuferinstitute wie die Münchner Staatsbauschule, die Höhere Fachschule für Jugend und Sozialarbeit und die Abteilung Gebrauchsgraphik an der Akademie für das Graphische Gewerbe.

Die Zukunft klingt verheißungsvoll: Mit dem wegen anderer Themen umstrittenen Hochschulinnovationsgesetz, dessen Neuentwurf noch in diesem Jahr im Kabinett beraten wird, sollen die HAW in Bayern gestärkt werden: Sie erhalten ein befristetes, auf forschungsstarke Bereiche bezogenes Promotionsrecht. Das haben sich viele Professoren lange gewünscht. Die einstige FH als Doktor-Schmiede – diese Entwicklung war vor 50 Jahren noch nicht absehbar.

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