München/Parsdorf – Auf einmal wird es ganz still am Tisch im Donisl: Yvonne Heckl und Andreas Avi, die gerade noch vom Schausteller-Leben vor und während der Corona-Krise sowie dem langsamen Neustart erzählt haben, sind schlichtweg sprachlos. Mit großen Augen blicken sie Anton Kölbl an, der ihnen im Traditionswirtshaus am Münchner Marienplatz gegenübersitzt. Er hat gerade eine Zahl genannt: 16 000 Euro. So viel hat seine Spendenaktion eingebracht, die er von Anfang Juni bis Anfang Oktober zugunsten von Schaustellern durchgeführt hat: die „Spendiermass“.
Jetzt hat er das Geld an die Vorsitzenden des Vereins Historische Gesellschaft Bayerischer Schausteller überreicht, unter dessen Dach etwa 1000 Schausteller vereinigt sind. Nach ein paar Sekunden der positiven Schockstarre sagen die Vorsitzende Yvonne Heckl und ihr Stellvertreter Andreas Avi unisono: „Das ist ja unglaublich. Wir dachten, es kommen vielleicht ein paar hundert Euro zusammen, was auch schon Wahnsinn gewesen wäre.“ Nein, Kölbl packt zum Beweis und fürs Foto einen großen symbolischen Scheck aus, auf dem es schwarz auf weiß steht: 16 000 Euro.
Rückblick: Im Juni hatte unsere Zeitung über die Aktion des Goldschmieds aus Parsdorf (Gemeinde Vaterstetten, Kreis Ebersberg) berichtet. Anschließend nahm die „Spendiermass“ richtig Fahrt auf, insbesondere über soziale Medien wurde die Aktion verbreitet und unterstützt – unter anderem von Trachtenvereinen, von Musikern und Künstlern, von Firmen und von Wirten wie Peter Reichert. Der Donisl-Chef unterstützte die Aktion auch im realen Leben, indem er während der Wirtshauswiesn Werbebierdeckel für die „Spendiermass“ verteilt hatte. „Eine super Aktion“, sagt Reichert bei der Geldübergabe.
Weil wegen Corona das Münchner Oktoberfest sowie andere Feste und Märkte ausgefallen sind, hatte sich Anton Kölbl – selbst leidenschaftlicher Wiesn-Gänger – überlegt, wie er Schausteller unterstützen könnte. Herausgekommen ist der zwei Zentimeter große und sieben Gramm schwere Anstecker „Spendiermass“, den er in Bronze (35 Euro) und Sterling-Silber (45 Euro) hergestellt und verkauft hat. Fürs Trachtengwand und als Zeichen der Unterstützung der Schausteller. Sein Ziel waren 10 000 Euro gewesen, hatte er zum Start gesagt. Dass es viel mehr geworden sind, darüber ist auch er baff. „Eine Münchner Firma zum Beispiel hat 40 Stück gekauft für ihre Mitarbeiter. Als Ersatz für die Wiesn, wohin die Mitarbeiter normalerweise eingeladen worden wären“, berichtet Anton Kölbl. Insgesamt hat er 1200 Spendiermassen verkauft. Den Namen hat er sich übrigens schützen lassen (www.spendiermass.de) und er will, aufgrund der Nachfrage, Anfang Dezember eine Gold-Edition herausbringen und die Aktion bis Weihnachten fortführen.
Nachdem Yvonne Heckl und Andreas Avi ihre Stimme wiedergefunden haben, berichten sie von einigen großen und kleinen Schicksalen von Schaustellern während der Corona-Pandemie und der Lockdowns. Alles anonym, aber: „Wir sind eine Familie.“ In der helfe man sich, vor allem bei Kleinigkeiten. „Wenn mal einer eine Stromrechnung nicht bezahlen kann.“ Andreas Avi erzählt exemplarisch einen Fall: „Vor Kurzem war ich mit meiner Bude auf einer Veranstaltung und jemand anderer von uns kam ebenfalls. Wir sahen, dass dessen Reifen total abgefahren waren. Er hat sich aufgrund der ausgefallenen Einnahmen in den vergangenen Monaten keine neuen leisten können.“ Für Fälle wie diese werde Geld aus der Gesamtsumme von Anton Kölbl verwendet, kündigen Heckl und Avi an. Und als Starthilfe für die bevorstehenden Weihnachtsmärkte.
Am Ende des Treffens im Donisl überreicht die Vorsitzende der Schaustellergesellschaft dem Goldschmied ganz gerührt eine Medaille der Münchner Schausteller-Stiftung. Ein paar Exemplare davon habe sie vom 2019 verstorbenen Wiesn-Stadtrat Hermann Memmel bekommen mit den Worten: „Die Medaillen sind für jene Personen, die es gut mit den Schaustellern meinen.“ Im Donisl sagte Heckl zu Kölbl: „Sie sind so ein Mensch. Ich wüsste nicht, wer es mehr verdient hat als Sie.“