Die Anpacker im Integrationsalltag

von Redaktion

VON VERENA MÖCKL

München – Barbara Reineke engagiert sich seit sechs Jahren für Geflüchtete im Ayslhelferkreis Burghausen (Kreis Altötting). Immer wieder traf sie Frauen, die an keinem Deutschunterricht teilnehmen konnten, weil sie niemanden für die Kinderbetreuung hatten. Das wollte Reineke nicht hinnehmen. „Geflüchtete Frauen haben es schon schwer genug“, sagt die 61-Jährige. Deshalb gründete sie vor sechs Jahren den Mütterkurs. „Es ist wichtig, Menschen zu helfen, die hier stranden. Es ist unser aller Interesse, dass diese Menschen hier Fuß fassen. Wir wollen keine Parallelgesellschaften.“

Reineke rekrutierte also Deutschlehrerinnen und Kinderbetreuerinnen aus dem Asylhelferkreis. Während die Mütter Deutsch lernen, passen die Ehrenamtlichen auf die Kinder auf. Zweimal die Woche findet der Mütterkurs in den Räumen des evangelischen Gemeindehauses statt. Reineke und ihr Team stehen den Frauen auch bei alltäglichen Problemen zur Seite, begleiten sie zum Beispiel zu Behörden und zum Arzt. Und in den vergangenen Monaten klärten sie auch über die Corona-Impfstoffe auf.

Für ihr großes Engagement wurde Barbara Reinekes Mütterkurs gestern mit dem Integrationspreis der Regierung von Oberbayern geehrt. Das Preisgeld in Höhe von 1000 Euro möchte sie in einen gemeinsamen Ausflug mit den Müttern, den Helferinnen und den Kindern stecken.

Das Projekt aus Burghausen ist eines von 13, die gestern ausgezeichnet wurden – sieben Initiativen erhielten den Preis bereits vergangenes Jahr, wegen Corona fiel die Ehrung damals aber aus und wurde jetzt nachgeholt. „Es ist wichtig, nicht nur über Integration zu reden, sondern selber anzupacken“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der gestern die Preise übergab. Auch die Regierungspräsidentin Maria Els dankte allen Ehrenamtlichen für ihren wertvollen Einsatz. „Sie zeigen, wie vielfältig die Integrationsansätze sind.“

Insgesamt 77 Bewerbungen für den Preis sind in den vergangenen beiden Jahren eingegangen. Die Projekte stammen aus allen Alltagsbereichen – aus Umwelt, Kultur, Sport, Bildung. Oder Wirtschaft. Zum Beispiel das Projekt von Rewe Süd mit dem etwas sperrigen Namen „Konzept zur Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt und die Teams“ – kurz: KIMAT. Das Projekt ist aber alles andere als sperrig. Es unterstützt Geflüchtete im Beruf. Etwa durch Integrationspatenschaften. Eine Patin ist Filiz Duman. Aktuell ist sie für fünf Mitarbeiter im Rewe in München-Laim verantwortlich. Zum Beispiel für Ahmad Mansour Osmani. Der 21-Jährige ist im dritten Lehrjahr. Duman unterstützt ihn nicht nur bei der Arbeit und in der Schule, auch bei privaten Anliegen wie Arztbesuchen kann sich der Azubi an seine Patin wenden. „Die Jugendlichen kommen hier ohne Familie, ohne soziales Umfeld an“, sagt Duman. Sie kann sich gut in ihre Situation hineinversetzen. Sie kam selbst mit 16 Jahren nach Deutschland. „Ich hatte damals leider keinen Paten.“

Unter den Preisträgern aus dem vergangenen Jahr ist der Verein Flüchtlingshilfe Erding mit seinem Projekt Kleiderladen. Der Laden ist vor sechs Jahren entstanden. Das Projekt versorgte anfangs nur Geflüchtete mit Kleidung, Haushaltswaren und Schuhen, berichtet Sabrina Tarantik, die Leiterin des Projekts. Mittlerweile sind die Ladentüren für alle hilfsbedürftigen Menschen in Erding geöffnet. Und unter den Helfern sind auch Geflüchtete. „Sie wollen etwas zurückgeben“, sagt Tarantik. Weil sie wissen, wie wertvoll diese Hilfe ist.

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