München – Jedes Jahr werden bundesweit 1,6 Millionen Ortsschilder gestohlen. Und das kostet die Kommunen viel Geld: Denn die Schilder müssen ersetzt werden. Laut ADAC kostet ein Schild um die 130 Euro plus Montagekosten. Das macht über 200 Millionen Euro Schaden im Jahr. Selbst fest vernietete oder verschweißte Ortsschilder verschwinden.
Und nicht nur Schilder mit kuriosen Namen – auch die zur Geschwindigkeitsbegrenzung. Ob 30, 40, 50, 70 oder 80 – entsprechende Schilder werden gerne mal als Geschenke zu runden Geburtstagen „mitgebracht“. Konkrete Angaben, welche Schilder besonders gefragt sind, kann das Innenministerium nicht machen. Darüber werde keine Statistik geführt, hieß es.
Im September kamen allein in Gauting (Landkreis Starnberg) in einer Nacht fünf von sieben Ortsschildern weg. Die gelben Schilder mussten notdürftig mit aufgeklebten Ortsnamen versehen werden. „So viele Tafeln wie noch nie sind auf einmal geklaut worden“, sagt der Starnberger PI-Leiter Andreas Ruch. Bis die Ortstafeln ersetzt werden, werde es noch etwas dauern, vermutet Ruch. „Ortstafeln liegen nicht auf Lager, sondern sind Sonderanfertigungen.“
Polizeihauptkommissar Kai Motschmann von der PI Starnberg meldet nicht nur mehrere geklaute Schilder innerhalb kürzester Zeit, sondern auch: „Ein bislang Unbekannter hat sich Mitte Oktober einen schlechten Scherz erlaubt und das Tutzinger Ortschild in Drößling angebracht, das wiederum verschollen blieb.“
Auch am Schwabbrucker Ortseingang im Kreis Weilheim-Schongau war im September eine Ortstafel abmontiert worden. Der Gemeinderat ließ darauf schnell ein 50er-Schild aufbauen, damit auch ortsunkundige Verkehrsteilnehmer wissen, dass sie durch eine Ortschaft fahren und ein Tempolimit gilt.
Die Polizei wertet den Schilderklau nicht nur als Diebstahl, sondern auch als gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Und das wird nicht nur mit empfindlichen Geldstrafen, sondern auch Freiheitsstrafen geahndet. So sieht es in Deutschland der Paragraf 315b des Strafgesetzbuchs vor.
Petting, ein 2400 Einwohner-Dorf am Waginger See im Landkreis Traunstein, vermisste in der Vergangenheit nicht nur immer wieder seine Ortsschilder, sondern erlebte vor drei Jahren aufgrund seines Namens einen Boom: Ein großer Internet-Porno-Anbieter hatte allen Bewohnern kostenfreie Abos des Dienstes angeboten – quasi als „Entschädigung für die Jahre der Demütigung und des stillen Leidens“. Der PR-Gag sorgte für Aufsehen. Die Pettinger selbst ließ die Aktion eher kalt, wie Geschäftsleiter Reinhard Melz damals gegenüber der „Passauer Neuen Presse“ betonte: „Uns ist das im Grunde gnadenlos wurscht.“ Übrigens: Der Ortsname Petting hat nichts mit sexuellen Handlungen zu tun, sondern stammt aus dem 6. Jahrhundert. Er geht auf einen bayerischen Häuptling Namens „Petto“ zurück.
Gestohlene Ortsschilder sind ein altes Phänomen. „Die berühmten Freistaat-Bayern-Schilder wurden ja schon in den Siebzigern geklaut“, erinnert sich Wilfried Schober, Sprecher des bayerischen Gemeindetags.
An der deutsch-österreichischen Grenze hat der ständige Schilder-Klau im vergangenen Jahr sogar dazu geführt, dass sich die Gemeinde Tarsdorf – zehn Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt – für die Umbenennung eines Ortsteils entschloss: Aus „Fucking“ wurde schlicht Fugging. Mit diesem Schritt sorgte die 2000-Seelen-Gemeinde zum Jahreswechsel deutschlandweit für Schlagzeilen. Ortstafeln mit der neuen Bezeichnung sind seitdem nicht mehr verschwunden, berichtet die Kommune. Die alten Ortstafeln sind jetzt nur noch im Museum zu bestaunen.