Markt Schwaben – Es dauert keine fünf Minuten, dann hat der Vorsitzende Richter Thomas Bott den Angeklagten der Lüge überführt. Er sei bei der Bundeswehr gewesen, bei den Sanitätern, sagt der 66-Jährige zu Bott. Doch die Einheit wisse er nicht mehr. „Ich bin nicht an einer Märchenstunde interessiert“, sagt Bott. Wer „ordentlich gedient“ habe, der wisse, in welchem Bataillon er war. Er sei sich deshalb sicher, dass der Angeklagte ausgemustert worden sei. Der 66-Jährige staunt und nickt: „Das stimmt. Ich bin ausgemustert worden.“
Die Lüge hat einen Grund. Sie sollte den 66-Jährigen als Fachmann darstellen. Das versteht man aber nur, wenn man die Anklage der Staatsanwaltschaft kennt. Und die schildert schier unglaubliche Taten. Demnach hat der verwitwete Elektriker aus Markt Schwaben (Kreis Ebersberg) sieben Männern die Hoden abgeschnitten (oder es versucht) und einem weiteren Mann ein Stück seines Penis abgezwickt. Das alles geschah auf Wunsch der Opfer, aber ohne jede Fachkenntnis und Erlaubnis. Den Männern hatte er vorgegaukelt, dass er Notfallsanitäter sei. Die Operationsserie endete erst, als es zum Schlimmsten kam – und einer der Männer starb.
Nun muss sich der Markt Schwabener, der aus der Nähe von Stuttgart stammt, wegen mehrfacher gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie Mordes durch Unterlassen vor dem Landgericht München II verantworten.
Der 66-Jährige sitzt etwas gekrümmt auf der Anklagebank, stützt den Kopf auf die Hand. Graue Haare, grauer Schnurrbart, graue Sweat-Jacke. Er liest und blättert aufmerksam mit, als der Staatsanwalt die Details der Anklage verliest. Begonnen hat angeblich alles damit, dass der Mann nach dem Krebstod seiner dritten Ehefrau Schulden durch die lange Zeit der Pflege hatte. Von einem Bekannten erfuhr er, dass man in der Sado-Maso-Szene viel Geld verdienen könne. Deshalb bot er ab 2018 in Internet-Chatgruppen verschiedene „Behandlungen“ mit Strom, Nadeln und Stockschlägen an. Laut Staatsanwalt handelte er vor allem aus finanziellen Gründen, aber auch aus „Freude an körperlichen Eingriffen“.
Bald entschloss er sich zu massiven Eingriffen; zum ersten kam es im Juli 2018 bei ihm zu Hause in Markt Schwaben. Ein Mann hatte aus einem inneren Zwang heraus jemanden für eine Hodenentfernung gesucht. Der 66-Jährige legte den Mann auf seinen Küchentisch, betäubte die Operationsstelle und schnitt ihm mit einem Skalpell die Hoden ab. Honorar: 1200 Euro.
Das letzte Opfer schrieb ihm, dass er als Eunuch leben wolle. Im März 2020 folgte der Eingriff. Doch laut Anklage ging es dem 61-jährigen Mann aus der Nähe von Celle in den folgenden Tagen immer schlechter. Der Markt Schwabener, der ihn betreute, soll trotzdem keinen Arzt geholt haben. Als das Opfer starb, habe er die Leiche in einen Karton gepackt, der bei einer Durchsuchung im April 2020 gefunden wurde.
Der Angeklagte gibt zu, dass er die Männer kastriert hat. „Ja das ist richtig.“ Er habe die Eingriffe angeboten, „einerseits weil die Herrschaften eine Lösung gesucht haben, andererseits auch, um Geld zu verdienen.“ Insgesamt, nach Abzug der Ausgaben, habe er etwa 4000 Euro verdient, sagt er. Richter Bott zweifelt, ob es tatsächlich nur die acht Opfer gibt, die ermittelt wurden. Doch in dieser Frage bleibt der 66-Jährige bei seiner Angabe. „Es waren nur acht. Es gibt ja nicht so viele Männer, die sich kastrieren lassen wollen.“
Der Prozess dauert an. Es sind acht weitere Verhandlungstage vorgesehen.