Ein Alptraum im ICE 928

von Redaktion

VON NINA PRAUN

Seubersdorf – Samstag, kurz vor neun Uhr. Der ICE 928 ist auf dem Weg von Passau nach Hamburg. Unter den 208 Insassen sitzt ein Mann, der ein Messer mit sich führt. Acht Zentimeter lang ist die Klinge. Schon seit einiger Zeit hat er es immer bei sich, denn: Er fühlt sich verfolgt – von der Polizei.

Dieses Bild ergibt sich nach den Schilderungen der Polizeisprecher bei einer Pressekonferenz des Polizeipräsidiums Oberpfalz zur Bluttat im ICE mit vier Verletzten. Sie berichten von den Aussagen von Zeugen, Einsatzkräften und Sachverständigen – und von ihren bisherigen Ermittlungen.

Die ergaben bisher keine Hinweise auf einen islamistischen oder terroristischen Hintergrund, so die Sprecher. Aber auf „psychische Beeinträchtigungen“ des mutmaßlichen Täters, eines 27-jährigen Syrers mit Wohnsitz in Passau. Der ist zu diesem Zeitpunkt bereits im Bezirkskrankenhaus Passau. Er war noch am Samstag von einem Sachverständigen befragt worden. Der Syrer lebt seit 2014 in Deutschland mit Aufenthaltserlaubnis in einem Mehrparteienhaus. 2020 war er wegen eines Betrugsdelikts verurteilt worden. Einen Tag vor der Tat verlor er seinen Arbeitsplatz.

Dem Gutachter gegenüber habe er sowohl über seine Person als auch über die Taten gesprochen – und sie nicht abgestritten. Er erzählte auch von seinem Verfolgungswahn. Und davon, dass er sich von seinem ersten Opfer bedroht gefühlt habe.

Zurück im ICE. Er ist in voller Fahrt kurz nach Regensburg durch die Oberpfalz unterwegs. Plötzlich zückt der Mann sein Messer und sticht auf sein erstes Opfer ein, mit voller Wucht auf dessen Kopf. Dann wendet er sich dem nächsten Mann zu, sticht auf Kopf und Rumpf ein. Ein anderer Mann geht dazwischen, auch er wird verletzt. Dann steigt der Angreifer in den nächsten Waggon und sticht auch dort auf einen Mann ein.

Diese Taten habe er „wie im Traum“ begangen, wird der mutmaßliche Täter später dem Gutachter erzählen.

Gleichzeitig geht bei der Polizei der erste Notruf ein. Bald erreichen die Polizei viele weitere Anrufe. Die Streifenwagen sind schnell unterwegs nach Seubersdorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Neumarkt.

Dort stoppt der Lokführer den Zug. Die Beamten treten mit gezogener Schusswaffe in der Hand in den Waggon. Sie erblicken einen Mann mit einem blutverschmierten Klappmesser und befehlen ihm, sich auf den Boden zu legen. Der Mann folgt. Außerdem, so berichten es die Polizeisprecher später, habe er gesagt: „Ich bin krank. Ich brauche Hilfe.“ Er wird gefesselt und festgenommen.

Zurück bleiben vier Verletzte – und 204 Menschen, die mit im Zug saßen. Bei ihnen bedankt sich Polizeipräsident Norbert Zink gleich zu Beginn der Pressekonferenz, er betont das „hohe Maß an Zivilcourage“, das die Mitreisenden gezeigt haben: „Ein großer Dank gilt den Fahrgästen, die versucht haben, den Täter von weiteren Taten abzuhalten, und die Erste Hilfe geleistet haben.“ Unter anderem war eine Bundespolizistin im Zug, die privat unterwegs war, und ein Ärzteehepaar, das bei den Verletzten Erste Hilfe leistete.

Die Verletzten sind allesamt Männer. Ein 26-jähriger wurde am Kopf schwer verletzt, ein 60-Jähriger erlitt Schnitte an Kopf und Rumpf, ein 39-Jähriger hatte Stiche im Oberkörper. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Ein weiterer 60-Jähriger, der offenbar dem anderen 60-Jährigen zu Hilfe geeilt war, erlitt ebenfalls Schnitte. Er begab sich selbst in ärztliche Behandlung. Eine Frau stand zudem unter Schock.

Zudem berichten die Polizeisprecher noch von der „unkomplizierten und professionellen Zusammenarbeit“ bei dem Großeinsatz. 420 Menschen waren beteiligt; von Polizei, Bundespolizei, Feuerwehren, Rettungsdiensten, Katastrophenschutz und Kriseninterventionsteams.

Artikel 2 von 11