Dießen – Ich stehe im Bikini am südwestlichen Ufer des Ammersees auf einem Steg und friere. Vor mir steht eine hellblaue Plastiktonne. Beim Blick hinein wird mir noch kälter, denn sie ist gefüllt mit zehn Grad kaltem Seewasser und 30 Kilogramm Eiswürfeln. „Der See ist im Herbst noch zu warm fürs Eisbaden“, sagt Silvana Kolman, während sie das Thermometer ins Wasser hält. Es zeigt ein halbes Grad. Die geeignete Temperatur für einen Eisbade-Profi wie Kolman und die ungeeignetste Temperatur für eine Warmduscherin wie mich. Trotz meiner Bedenken möchte ich die Herausforderung annehmen. Ich stelle mich dieser Mutprobe hier in Dießen am Ammersee, um herauszufinden, was es mit dem neuen Trend auf sich hat.
Um nichts falsch zu machen, habe ich an einem Workshop teilgenommen, der Anfänger wie mich auf den Moment im Eis vorbereitet. Silvana Kolman ist meine Trainerin. Die 50-Jährige hat mich und eine weitere Teilnehmerin zwei Stunden in die Geheimnisse des Eisbadens eingeweiht. Ihr Wissen hat die Projektmanagerin von Wim Hof, dem Guru der Eisbader. Von ihm persönlich hat sie sich in Atem- und Aufwärmübungen ausbilden lassen – als eine von nur zwei Frauen in Deutschland. Mit ihrem Unternehmen „back2elements“ bietet Kolman seitdem deutschlandweit Eisbade-Kurse an. Denn auf den Geschmack vom eisig kalten Freizeitabenteuer sind mittlerweile eine Vielzahl an Menschen gekommen – vor allem während Corona.
„Es ist wichtig, den Körper an die Kälte zu gewöhnen“, sagt Kolman, während sie zwei graue Eimer mit Eiswürfeln füllt. Wir sollen da nun abwechselnd unsere Hände und Füße hineinstecken – zur Vorbereitung auf das, was uns später in der Eistonne erwartet. An den Extremitäten sei es besonders schmerzvoll, warnt mich meine 60-jährige Leidensgenossin vor. Sie hat bereits an einem Workshop teilgenommen. Wenige Minuten später weiß ich, wovon sie spricht. Meine Füße und Hände sind knallrot und kribbeln. Nur schwer kann ich sie bewegen. „Tief und ruhig zu atmen, ist das A und O“, betont Kolman. Der Körper ist während des Eisbadens unter extremem Stress. „Allein mit der Atmung kann man seinen Körper aus der Situation bringen und ihm signalisieren, dass alles in Ordnung ist.“ Ohne Atemübungen eisbaden zu gehen, hält Kolman deswegen für sehr gefährlich. Bevor es für uns ins Eis geht, müssen wir daher unsere Atmung stärken.
Also folge ich den Anweisungen meiner Trainerin: Ich liege auf dem Rücken und atme schnell und tief. Mit der Zeit bekomme ich eine Gänsehaut. Mir ist kalt und meine Hoffnung, durch diese Technik im Eis später weniger zu frieren, ist dahin. „Die Wim-Hof-Atmung wärmt dich nicht, sondern hilft dir dabei, das Schmerzempfinden auszuschalten“, klärt mich Kolman nach der intensiven Atemübung auf.
Die eigentliche Arbeit fängt laut der Kälte-Expertin allerdings erst nach dem Eisbad an, um sich wieder aufzuwärmen. Ich denke an meinen Bademantel und die Thermoskanne Mate-Tee, die ich extra von zu Hause mitgebracht habe. Doch Kolman unterbricht meine wohlig warmen Gedanken. Heißgetränke und warme Klamotten nach dem Eisbad sind tabu. Ebenso eine heiße Dusche direkt danach. Ich stutze. Wie soll mir denn dann warm werden? Vielleicht ’ne Runde joggen? Ganz falsch! Denn dabei vermischt sich das kalte mit dem warmen Blut zu schnell. Was laut Kolman fatale Folgen hat. „Die Körpertemperatur sackt runter und es kann zu Herzkreislaufproblemen kommen.“
Wir müssen uns also langsam und von innen aufwärmen. Zum Beispiel mit dem Horse Stance. Kolman zeigt uns den Bewegungsablauf, damit wir nach dem Eisbad gleich wissen, was zu tun ist: Knie beugen, Oberkörper senken, als ob man auf einem Pferd sitzen würde. Die rechte Hand nach links schieben, Körper nach links drehen. Ausatmen. Einatmen. Linke Hand nach rechts schieben und nach rechts drehen. Ausatmen. Nach einer Minute brennen meine Oberschenkel. Ich spüre, wie mir warm wird und hoffe, dass diese Methode auch nach meinem Eisbad funktioniert.
Nachdem wir nun mit allen Tipps und Tricks gewappnet sind, wird es ernst. Wir gehen zum See und richten alles für das große Finale her. Mit jedem Eimer voller Seewasser, den ich in die Plastikwanne kippe, wird mir mulmiger. Schaufel ich hier gerade sprichwörtlich mein eigenes Grab? Schon in wenigen Minuten werde ich es wissen.
Bevor ich mich dem Schmerz aussetze, atme ich noch einmal tief ein. Dann steige ich in das Eiswasser. Es fühlt sich an, als würde ich in ein Meer aus Abermillionen Nadeln steigen. Ich hechel wie ein Hund – unkontrolliert und hektisch. Mein ganzer Körper ist angespannt. Der Schmerz, der meinen Körper durchfährt, ist jenseits jeder Skala. Ich schließe meine Augen. Das alles hat Kolman vorhergesehen. „Denk an deine Atmung“, motiviert sie mich. Ich konzentriere mich darauf, was ich im Kurs gelernt habe. Ich atme tief ein und dann durch den geöffneten Mund wieder aus.
Nach einer halben Minute im Eisbad habe ich mich an den stechenden Schmerz gewöhnt. Wie meine Trainerin prophezeit hat, kann ich mich tatsächlich entspannen. Ich lächle. Nach knapp zwei Minuten gibt mir Kolman dann das Zeichen: Geschafft! Ich bin überglücklich. Jede Herausforderung im Leben ist wie ein kleines Eisbad, hat Kolman zu Beginn des Workshops gesagt. Jetzt weiß ich, was sie meint. Nichts kann sich mir jetzt noch in den Weg stellen. Nach diesem einzigartigen Erlebnis verstehe ich, wieso Eisbaden so beliebt ist. Trotz aller Glücksgefühle weiß ich aber schon, worauf ich mich zu Hause in ein paar Stunden am meisten freue: eine warme Dusche.