München – Die Situation in den Arztpraxen ist ähnlich wie im Frühjahr. Die Telefone klingeln ununterbrochen, der Grund ist fast immer derselbe: die Frage nach einem Impftermin. „Für gewöhnlich bekommen wir im Monat 3000 Anrufe“, berichtet Wolfgang Ritter aus seiner Münchner Arztpraxis. „Aktuell sind es rund 15 000.“ Die Wartelisten für Impftermine sind lang – nicht nur in seiner Praxis. Fast überall ist vor Mitte Januar fast nichts mehr frei.
Denn die Ärzte können nicht mit derselben Kapazität impfen wie im Frühjahr, erklärt Ritter, der auch im Vorstand des Bayerischen Hausärzteverbandes ist. „Damals waren wir im Lockdown, wir Ärzte konnten uns voll auf die Impfungen konzentrieren“, erklärt er. Jetzt ist die Zeit der Infektionskrankheiten. Viele Wartezimmer seien voll mit Patienten, die wegen Magen-Darm-Infekten, Bronchitis, Grippe oder anderer Viren einen Arzt bräuchten. Telefonisch kommen sie in vielen Praxen gerade gar nicht durch, sagt Ritter.
Eines ist anders als im Frühjahr. „Es gibt genug Impfstoff“, sagt Ritter. Aber zu wenig Kapazitäten, um ihn zu verimpfen. Denn die Nachfrage ist in den vergangenen Wochen enorm gestiegen. Allein am Mittwoch hatten sich in Bayern rund 95 000 Menschen impfen lassen – 14 600 davon zum ersten Mal, 67 000 zum dritten Mal. So hoch waren die Zahlen seit Wochen nicht. Das dürfte auch an den verschärften Regeln für Ungeimpfte liegen. Auch die Anfragen nach Boosterimpfungen sind sprunghaft nach oben gegangen – besonders, seit Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) die Auffrischung für alle nun schon nach fünf Monaten empfohlen hat. Aktuell werden in den bayerischen Arztpraxen bis zu 25 000 Auffrischungsimpfungen täglich durchgeführt. „Wir haben mit dem Impfen nie aufgehört“, sagt Ritter. In den vergangenen Wochen war die Nachfrage gering. „Jetzt hat sich die Menge der Impfdosen-Bestellungen verachtfacht.“
Den Andrang spüren auch die Impfzentren. Erst vor gut sechs Wochen mussten sie ihre Kapazitäten runterfahren. Das Rote Kreuz, das in Bayern die meisten Impfzentren betreibt, hatte immer wieder eindringlich davor gewarnt, die Zentren zu schnell zu schließen. Nun sind Miet- und Arbeitsverträge gekündigt – und die Schlangen vor vielen Impfzentren lang. In einigen Landkreisen müssen Impfwillige stundenlang anstehen für die Spritze. „Der Betrieb lässt sich nicht von heute auf morgen wieder hochfahren“, erklärt ein BRK-Sprecher. Es müsse erst wieder geschultes Personal eingestellt werden, in vielen Regionen müssen neue Räume angemietet werden. „Die Bemühungen laufen überall auf Hochtouren“, sagt der Sprecher. „Es ist genau die Situation eingetreten, vor der wir im Sommer so eindringlich gewarnt hatten.“
Auch der RKI-Chef Lothar Wieler fand gestern deutliche Worte: „Es war klar, dass wir mit der Impfquote, die wir haben, so hohe Inzidenzen haben werden.“ Von den Menschen, die sich momentan jeden Tag infizierten, würden im Schnitt 400 sterben. Die einzige Chance, gegenzusteuern, sei, die Impfquote zu erhöhen. Es werde jetzt „jeder und jede“ gebraucht, um zu impfen – beispielsweise auch die Apotheker, betonte Wieler.
Die Apotheker würden sehr gerne impfen, betont Stefan Hartmann, der Präsident des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen. Er kämpft seit Jahren dafür, dass zum Beispiel Grippeimpfungen auch in den Apotheken möglich sind. In vielen Ländern werde das bereits praktiziert, betont er. In Deutschland gab es bisher erst Modellprojekte. Mit dem bisherigen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte er bereits Gespräche geführt, um Impfungen in Apotheken nicht mehr zur Ausnahme zu machen. Doch durch die Neuwahl sei alles ins Stocken geraten, berichtet der Gilchinger Apotheker. Er und seine Kollegen können nicht nachvollziehen, warum die Politik das Impfen in Apotheken nicht schnell möglich macht. „Wir sind in einer echten Notlage. In anderen Ländern wird sogar im Supermarkt geimpft.“ Durch die Erfahrung mit den Schnelltests seien die Apotheken gut organisiert, betont Hartmann. „Ich bin mit unserem Landrat bereits im Gespräch, wir könnten sofort ein eigenes Impfzentrum hochziehen und sieben Tage die Woche impfen.“ Auch einige Apotheker in Rente hätten sich bereits bereit erklärt zu helfen. Es fehlt nur die Erlaubnis dafür.
Noch müssen Arztpraxen und Impfzentren den Ansturm allein stemmen – und priorisieren. „Jede Boosterimpfung ist wichtig – aber Risikopatienten haben aktuell Vorrang“, sagt Hausarzt Ritter. Er fürchtet, dass sich die Lage noch weiter verschärfen wird. „Das Impfen allein bringt uns jetzt nicht mehr schnell genug voran“, sagt er. „Auch wenn die Politik noch nicht von einem Lockdown sprechen will, ohne Kontaktbeschränkungen werden wir die Lage nicht in den Griff bekommen.“