Ärzte fordern Impfpflicht für alle

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – „Ich habe das Gefühl, vom System einfach nur verbrannt zu werden“, schreibt ein Arzt. Und ein anderer: „Ich bin zornig und traurig über die mangelnde Solidarität in der ungeimpften Bevölkerung.“ Die Sätze stammen aus einer Umfrage unter 2800 bayerischen Klinikärzten. Der Marburger Bund hat die Ergebnisse gestern vorgestellt – und damit ein dramatisches Bild von der Situation auf den Intensivstationen gezeichnet.

Die Hilferufe aus den Kliniken werden immer lauter – und verzweifelter. Schon in wenigen Tagen sei es nicht mehr möglich, Patienten innerhalb Bayerns zu verlegen, sagt ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft. Schon jetzt werden viele Patienten weit über 100 Kilometer transportiert. Doch auch rund um den Freistaat spitzt sich die Lage zu. Die Kliniken in Thüringen, Sachsen und Österreich fallen bereits weg, in ein paar Tagen wohl auch die Krankenhäuser in Baden-Württemberg und Hessen.

„Die Lage ist so dramatisch wie noch nie in der gesamten Pandemie“ – diese Warnung formulierten der Marburger Bund, die Krankenhausgesellschaft, die Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung in Bayern gemeinsam. Nicht nur schiebbare, auch unbedingt notwendige OPs müssten mittlerweile auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Druck auf Ärzte und Intensivpflegekräfte werde von Tag zu Tag größer. „Bei mehr als 40 000 Neuinfektionen täglich ist absehbar, dass zeitversetzt drei bis vier neue Intensivpatienten pro Tag eingeliefert werden“, prognostizierte der Marburger Bund-Landesvorsitzende Andreas Botzlar.

Bei der Umfrage hatten 40 Prozent der Ärzte angegeben, dass sie keine vier Wochen mehr unter den aktuellen Bedingungen weiterarbeiten können. „Die Ärzte und Pflegekräfte auf den Intensivstationen sind ausgelaugt“, sagt er. Die Sorge, dass noch mehr ausfallen werden, ist groß. Denn seit Jahresanfang sind bundesweit 4000 Intensivbetten weggefallen – weil die Pflegekräfte dafür fehlen. Das hat auch damit zu tun, dass der Pflegeschlüssel von 1 zu 2,5 auf 1 zu 2 geändert wurde, erklärt ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft. „Das wäre gut für die Patienten, wenn es genug Personal gäbe“, sagt er. Faktisch hat es bedeutet, dass 20 Prozent der Betten nicht mehr belegt werden können. Sehr viele Intensivpflegekräfte seien wegen psychischer und körperlicher Überlastung ausgefallen oder hätten darum gebeten, auf normale Stationen versetzt zu werden. Und die verbliebenen Pfleger und Ärzte würden immer mehr an ihre Grenzen kommen, betont Botzlar. Der Frustrationslevel sei sehr hoch – besonders, weil auf den Intensivstationen hauptsächlich Ungeimpfte landen.

Der Marburger Bund, die Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztliche Vereinigung fordern deshalb eine Impfpflicht für alle. Eine solche Pflicht müsse für medizinisches Personal, Lehrer und Erzieher gelten, betonte Botzlar. „Und wenn Sie mich fragen, am Ende für die gesamte Bevölkerung.“ Appelle und Erklärungen würden diejenigen, die sich bisher noch nicht impfen ließen, nicht erreichen. „Wir sind nun an einem Punkt angekommen, an dem wir um eine Impfpflicht nicht mehr herumkommen.“

Die Augsburger Neurochirurgin Ina Konietzko fürchtet, dass es künftig immer häufiger zu Situationen kommt, wie sie es neulich bei ihrem Nachtdienst erlebt hat. Sie bekam einen Anruf aus einem Krankenhaus in Biberbach. „Die Kollegen dort hatten für eine Frau mit Hirnblutung seit einer Stunde ein Intensivbett in einem anderen Krankenhaus gesucht“, berichtet sie. Vergeblich. Auch Konietzko konnte kein Bett anbieten. Was aus der Frau geworden ist, weiß sie nicht.

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