„Der Grant kommt direkt aus dem Bauch“

von Redaktion

INTERVIEW Kabarettistin Eva Karl Faltermeier über eine bayerische Eigenart – oder Tugend?

Der Start ihrer Bühnenkarriere fiel auf den 1. April 2020 – mitten in die Pandemie. Ein Grund, grantig zu sein? Ja. Aber der Grant hilft beim Verarbeiten, sagt Kabarettistin Eva Karl Faltermeier. Vor Kurzem erhielt die 38-jährige Oberpfälzerin als „Senkrechtstarter“ den Bayerischen Kabarettpreis – und gibt in ihrem Buch „Der Grant der Frau“ (SüdOst Verlag, 14,90 Euro) tiefe Einblicke in ihr Dasein als Grantlerin.

Guten Morgen, Frau Faltermeier. Sans recht miad?

Ja, wia fast immer. (lacht)

Ist Müdigkeit ein guter Grund, grantig zu sein?

Auf jeden Fall. Auch Müdigkeit im Sinne von Sturheit, nichts verändern zu wollen. „Des ham mia scho imma so gmacht“ ist so ein Satz, der mich grantig macht.

Und was noch?

Die Parkplatzsuche, der Job – oder wenn im Kindergarten meines Sohnes Mütter wieder siebengscheit daherreden. Am ungrantigsten bin ich bei der Gartenarbeit. Das liegt wohl daran, dass es da nicht so menschelt. (lacht) Aber wo Menschen sind, da knirscht es. Und das ist ja auch der Stoff, aus dem meine Geschichten entstehen.

Zum Beispiel ein Buch über den Grant der Frau?

Der weibliche Grant ist komplizierter als der männliche und eines fällt auf: Die Gesellschaft akzeptiert grantelnde Frauen weniger als grantelnde Männer. Sie werden verniedlicht, sind mit dem falschen Fuß aufgestanden oder haben einen schlechten Tag. Egal wie er schimpft – er darf grantig sein. Sie aber nicht.

Wie wird eine Grantlerin schlimmstenfalls genannt?

Bissgurke, Zwiderwurzen oder es heißt: Bei der muasd aufpassen, a ganz Scharfe mit Haaren auf den Zähnen. Ihr Mann hat gar nix zu melden.

Was tun Sie dagegen?

Das Problem gibt es ja auch im Kabarett. Männer, die granteln, sind lustig – Frauen nicht. Und in Bayern ist diese Meinung noch sehr verbreitet. Diese Stereotype will ich aufbrechen. Frauen müssen nicht immer nur freundlich sein und lächeln.

Den Satz „Lach doch mal!“ hören Sie nicht gern, oder?

Ich finde ihn übergriffig und er ärgert mich, weil Männer ihn nie zu hören kriegen. Leben und leben lassen, oder? Mei Tochter konn a scho bläd schaung. (lacht) Ich lasse das unkommentiert oder frage einfach, was sie bedrückt.

Wie reagieren Sie sonst?

Jeder trägt die Kleidung, die er mag. Und jeder schaut so wie er schaut. Wenn ich den Satz höre, schaue ich einfach grantig. Oft sage ich auch: Wie soll ich lachen, wenn du vor mir stehst? (lacht)

Wer ist der größte Grantler, den Sie kennen?

Mein Vater ist beim Granteln sehr schweigsam. Ich auch. Wenn ich ganz ruhig bin, wird es gefährlich. Mein Opa konnte virtuos schimpfen. Am Stammtisch und uns Kinder. „Du aufgestellter Mausdreck, bist ma ned zu kloa!“, hat er gesagt. Von beiden habe ich mir etwas abgeschaut.

Ist Grant auch Schutz?

Ja, Grant hat nichts mit Wut zu tun. Wer grantig ist, regt sich selbst am meisten auf. Das ist Verarbeitung. Wer mir saubläd in mein Grant neilafft, kriegt ihn zu spüren. Danach bin ich versöhnlich und es geht mir besser.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt Tage, an denen mich eine Mail von der Lehrerin meiner Tochter echt aufregen kann. In der Küche philosophiere ich dann darüber, wos des jetzt wieda für a Schmarrn is. Meine Kinder amüsiert das. Nach dem Granteln kann ich mit ihnen lachen. Gegen die Lehrerin habe ich ja gar nichts. Es geht nur ums Abreagieren.

Was triggert Sie so richtig?

Wenn Menschen verletzt werden. Mein Löwenmama-Instinkt springt an, wenn ich merke, dass in unserem Dorf jemand seine Kinder nicht mit meinen spielen lässt. Weil ich alleinerziehende Mama und noch dazu Kabarettistin bin. Wen mein Grant da trifft, sollte kurz lachen – dann aber nach- und hoffentlich auch umdenken.

Was unterscheidet Granteln von Gezicke?

Der Grant kommt direkt aus’m Bauch und ist sehr bodenständig. Echter Grant ist wie ein Feuer, das vor sich hin lodert und einen spontan übermannt. Wenn mi wos echt grantig macht, hoi i olle Heiligen oba – ohne zu überlegen. Gezicke passiert im Kopf und ist berechnend.

Wann lachen Sie?

Nach Situationen, in denen ich grantig war. Komödie ist Tragödie plus Zeit. Hinterher kann ich über alles lachen.

Wann hatten Sie Ihren letzten Lachanfall?

Mein fünfjähriger Sohn hat letztens seinen Koffer unter den ICE fallen lassen. Andere hätten geschimpft. Ich war amüsiert, weil eine Bundeswehrsoldatin dem Koffer hinterhergesprungen ist. Niemand war in Gefahr – so konnten wir die ganze Fahrt über sein Missgeschick lachen.

Sie sind also glücklich, wenn es nicht rundläuft?

Natürlich war ich als Mutter erst erschrocken. Aber so ist das Leben und das muss man nehmen, wie es kommt. Das gilt auch für Scheidungen. Wer Unglück auf Teufel komm raus vermeiden will, lebt bieder und uninspiriert.

Sie rügen altkluge Ratschläge. Hat das nicht auch Ratgeber-Charakter?

Es sind Ratschläge, die ich geben kann, ohne zu bevormunden. Jeder sollte mit gesundem Menschenverstand und Empathie durchs Leben gehen. Überlege dir vorher, ob du mit deiner Frage jemanden verletzen könntest. Und sieh ein, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt.

Ist das die Moral?

Meine Geschichten sollen die Fronten klären. Der Grant schlägt die Brücke – ehrlich und direkt. Vielleicht verstehen Frauen mit Kindern dann Frauen ohne besser. Jüngere Ältere und andersherum. Und Männer natürlich Frauen im Allgemeinen.

Interview: Cornelia Schramm

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