Unser Deutschlehrer am Gymnasium präsentierte uns Goethe. Geradezu enthusiastisch äußerte er sich über dessen lyrische und prosaische Werke. Natürlich las ich, fraß ich förmlich, was er uns vorlegte – Herr R. war ein Pädagoge, der etwas zu sagen hatte. Aber, da war ein großes Aber – ich meldete mich damals energisch zu Wort und beklagte den unmoralischen Lebenswandel des Dichterfürsten: Gretchen, Anna Katharina, Friederike, Charlotte, Lili, die vielen Signorinas Italiens, Christiane, Ulrike… Wie sie alle hießen, wer sie alle waren – sie beschwerten mich. Ich verlangte, dass die Liederlichkeiten Eingang zu finden hätten in die Interpretation des Dichterfürsten und er damit allerhand Abzüge hinnehmen müsste. Herr R. mühte sich, mir klarzumachen, dass Goethe seine Emotionen kostbar literarisch verarbeitet hätte und Menschen generell verschiedene Seiten haben. Erfolglos. Ich verharrte in meinem mürrischen Protest. Literatur kann nicht gut sein, wenn ein vor Wollust triefender Womanizer sie schreibt. Heute, in Zeiten von gnadenloser Kritik an allem, was nach eigenen Kriterien nicht moralisch einwandfrei ist, denke ich wieder an Herrn R. Er hat in mir einen zarten Keim der Einsicht gesät, der erst später, mit sehr viel mehr Lebenserfahrung, aufgegangen ist. Menschen sind ambivalent. Sie haben großartige und herrlich normale Seiten – und solche, die man an ihnen nicht mag. Umgekehrt stimmt es auch: Fürchterliche Unsympathen können erkennen lassen, dass noch anderes, Liebenswertes in ihnen steckt. Wie damit umgehen? Zunächst einmal ist es notwendig, einzusehen, dass man auch solch ein Mensch mit ambivalenten Seiten ist. Dass Biografien selten bruchlos verlaufen und man nicht mal ohne größere Skandale ausschließlich die Lichtgestalt ist, die man manchmal meint zu sein. Diese Einsicht hindert hoffentlich daran, enttäuscht zu sein, bitter zu werden und auf andere wütend loszugehen, um sie mit harscher, selbstgerechter Kritik zu überziehen. Es ist klar, dass man sachlich und vernünftig hinterfragen kann, darf und auch muss, was andere Menschen tun. In der eigenen Familie, in Politik, Kirche und sonstiger Gesellschaft. Aber es ist ein Akt menschendienlicher Demut, damit bei sich selbst anzufangen. Wenn dann noch die Buße dazukommt, weil man erkennt, geirrt zu haben, kann das Miteinander auch in diesen schweren Zeiten ein wenig leichter sein. Und in einem respektvollen, partnerschaftlichen Streit erfährt man mehr voneinander. Sagt Goethe, der Bazi.
*Die Autorin ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates