Die Impfskeptiker am Alpenrand

von Redaktion

VON FREDERIK MERSI

München – Die Alpen glühen dieser Tage in knalligem Violett auf der Corona-Übersichtskarte. Die Inzidenzen liegen teilweise bei Werten über 1000, fast überall aber mindestens jenseits der 500. Das liegt aus Sicht der Staatsregierung vor allem daran, dass sich dort bisher deutlich weniger Menschen gegen Corona impfen lassen als im Norden des Freistaats und der Republik. Doch woran liegt das?

Verschwörungsmythen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte jüngst unter anderem „höhere Querdenker- und Reichsbürgerzahlen“ als Ursache. Diese These stützt der Religionswissenschaftler Michael Blume: „Im Alpenraum hat sich eine einzigartige Tradition der kleinteiligen, sprachlichen Autonomie entwickelt“, sagt der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. „Dies bedeutet positiv ein besonders starkes Engagement für Demokratie und Föderalismus. Leider kippt es jedoch auch immer wieder in Verschwörungsmythen und Antisemitismus.“

Alternative Medizin: Impfverweigerer automatisch politisch rechts zu verorten, wäre zu kurz gegriffen. „Unter den Impfgegnern gehören 31 Prozent dem liberal-intellektuellen Milieu an“, heißt es in einer Analyse sozialer Netzwerke durch die Unternehmensberatung Komm.Passion. Neben einem „Störsender-Cluster mit russischen Einflüssen“ und AfD-nahen Nutzern gebe es bei Impfgegnern auch ein „sozial-ökologisch-esoterisches Cluster“. Eine Erklärung für die niedrigen Impfquoten am Alpenrand ist daher die Nähe zu alternativer Medizin. „Das skeptische Milieu ist nicht selten gut situiert, gut gebildet und offen gegenüber alternativmedizinischen Behandlungsmethoden“, sagte eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums.

Skeptische Ärzte: Eine Studie aus dem Jahr 2012 deutet darauf hin, dass es nicht nur bei Patienten im Süden Bayerns eine größere Impfskepsis gibt – sondern auch bei Hausärzten. Bei einer Umfrage unter Praxis- und Kinderärzten fand der Hauptautor der Studie, Martin Weigel, einen Zusammenhang zwischen niedrigen Impfquoten und der Einstellung der Mediziner gegenüber Impfungen. Am negativsten waren diese Meinungen in Südbayern, auch die Impfquote gegen Masern und Meningokokken war dort auffallend niedrig. „Die Frage ist: Suchen sich die Impfunwilligen einen eher impfkritischen Arzt oder andersherum?“, sagt Weigel. Eine Antwort könne er nicht liefern.

Kritik am Staat: Für manche ist die Verweigerung der Impfung ein Zeichen des Misstrauens gegenüber dem Staat. „Die Menschen im Alpenraum waren und sind besonders kritisch gegenüber staatlichen Obrigkeiten“, sagt Religionswissenschaftler Blume. Verstärkt werde dies dadurch, dass Parteien wie die AfD die Impfung als Protestthema für sich entdeckt hätten, sagt der Seniorprofessor für Soziologie an der Universität Leipzig, Andreas Diekmann. „Was da Ursache und Wirkung ist, ist natürlich die Frage. Es ist generell ein Mangel, dass es in Deutschland nicht genügend harte Daten dazu gibt.“

Geschichte: Fest steht, dass Skepsis gegenüber Impfungen im Alpenraum eine gewisse Tradition hat. Schon bei der Immunisierung gegen die Pocken im 19. Jahrhundert habe es in Bayern gerade in ländlichen Regionen „eine ziemlich massive Impfgegnerschaft“ gegeben, sagt die Heidelberger Medizinhistorikerin Bärbel-Jutta Hess. Die Gründe dafür waren demnach ähnlich diffus wie heute: Manche interpretierten die Narbe der Pockenimpfung als „Teufelszeichen“ und sahen Krankheiten als „gottgegebenes Schicksal“. Andere hatten aus gutem Grund Angst: Weil die Impfspritzen anfangs nicht ausreichend gereinigt wurden, gaben sie zeitweise unerkannt Syphilis an Kinder weiter. Damals griff die bayerische Regierung laut Hess zu drastischen Maßnahmen: „In einem Fall wurden sogar die Eltern in Gewahrsam genommen, damit das Kind währenddessen geimpft werden konnte.“

Ein Lichtblick in der aktuellen Lage: Mehrere Landkreise in Südbayern meldeten zuletzt, dass die Nachfrage nach Impfungen wieder steige. Im Landkreis Berchtesgadener Land mit einer Impfquote von zuletzt rund 56 Prozent sei die Nachfrage „im Wochenvergleich sehr stark erhöht“, sagte eine Sprecherin. Allerdings habe es sich überwiegend um Booster-Impfungen gehandelt – also nicht um Impfverweigerer.

Artikel 3 von 9