München – Spaltungstendenzen in der Gesellschaft machen nicht nur der Politik zu schaffen, sondern auch der Landwirtschaft und dem Bayerischen Bauernverband (BBV). Auch für ihn wird es immer schwieriger, den Mitgliedern politische Kompromisse zu vermitteln.
Auf der Online-Landesversammlung des BBV betonten Präsident Walter Heidl und die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch die integrierende Funktion der bäuerlichen Interessenvertretung. Im Transformationsprozess der Landwirtschaft verharre der Berufsverband nicht in einer Blockadehaltung, er suche vielmehr die Partnerschaft mit Nichtregierungsorganisationen, bestätigte die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.
„Die Bereitschaft zur Veränderung ist gegeben“, versprach Walter Heidl. Um die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, müssten aber auch die bäuerlichen Betriebe existenziell gesichert sein. Ohne wirtschaftlichen Erfolg seien sie gar nicht erst in der Lage, ihre Aufgaben im Klima-, Natur- und Tierschutz so zu erfüllen, wie es die Gesellschaft fordert. Der Koalitionsvertrag der künftigen Ampel-Regierung ist für Heidl eine gute, wenn auch ergänzungs- und erläuterungsbedürftige Basis. Andererseits erinnerte er die Ampel-Koalitionäre daran, dass die Landwirtschaft die Kosten für die zusätzlichen Anforderungen im Tierwohl nicht allein tragen könne. Sie brauche vielmehr eine fortlaufende Unterstützung. Nachdem die Anbindehaltung in zehn Jahren auslaufen soll, forderte der BBV-Präsident für diese Betriebe eine echte Perspektive, etwa durch ein offensives Bekenntnis zur Kombinationshaltung im Stall und auf der Weide.
Die Zukunft der Weidehaltung hänge wiederum auch davon ab, dass die neue Bundesregierung fern von ideologisch geprägten Debatten ein Wolfsmanagement mit Entnahmen ermöglicht. Vom neuen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir erwartet sich der BBV-Präsident einen „sachorientierten Weg“. Ansonsten sei er froh, so Heidl, dass mit Özdemir ein Realpolitiker agrarpolitische und hoffentlich praxistaugliche Entscheidungen treffen wird. Sein Einsatz wird wohl auch beim Green Deal der EU-Kommission gefragt sein, wenn es darum geht, dass sich die Förderungen der Umweltmaßnahmen durch die EU und Bayern nicht kannibalisieren. Die Abwanderung der Tierhaltung aus Deutschland müsse verhindert werden, was wären ein Bayern und seine Tourismusbranche ohne das Grünland, fragte Heidl, der seit 2012 an der Spitze des BBV steht. 2022 wird er nicht mehr antreten, wie der Niederbayer erklärte. Nachfolger will Stephan Köhler (54) werden, der dem Bauernverband in Unterfranken vorsteht.
„Die Jugend ist die Zukunft“, betonte Georg Rabl, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Landjugend. „Uns geht es um die gesellschaftlichen Aspekte des Lebens auf dem Land.“ Dazu gehöre es, die Arbeit des Bauernverbands noch aktiver mitzugestalten und sich für ein „jüngeres und weiblicheres Ehrenamt“ einzusetzen. Agrarministerin Michaela Kaniber kritisierte am Koalitionsvertrag, dass er vielfach im Ungefähren bleibe, sei es bei der Reduzierung des chemischen Pflanzenschutzes oder bei der Unterstützung der Waldbesitzer. Auf beiden Feldern sei man im Freistaat bereits weiter. MICHAEL AMMICH