KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER Der Not keinen Auftrieb geben

von Redaktion

Etwas schweratmig lehne ich im Lift der Klinik. Eine doppelseitige Hüftoperation ist nicht eben von hohem Unterhaltungswert. Das sehen andere anders. Eine muntere Dame, sie gilt als „Begleitperson“ – was heißt, dass ihr nichts fehlt, jedenfalls nicht körperlich –, sie fragt: „Und was haben Sie?“ Die klassische Frage in einem Haus für „Anschlussheilbehandlungen“. Ich bin gewohnt, die Wahrheit zu sagen. Also tue ich es auch in diesem Fall und hoffe, dem Diskurs entronnen zu sein. Weit gefehlt. Die Dame kommentiert im Aussteigen mein Gehvermögen und meine Tapferkeit. Banal antworte ich: „Ich tu, was ich kann.“ Simpler geht’s nimmer. Gleich werden sich die Türen schließen, und ich kann wieder ungestört stöhnen. Aber da ruft mir die Frohnatur im schönsten Oberpfälzisch zum Abschied einen überraschenden Satz zu: „Nua da Nod kaan Aaftrieb ge’m!“ Nur der Not keinen Auftrieb geben? Habe ich noch nie gehört. Ich stelle mich gerade hin, obwohl mich keiner mehr sieht. Das Überlebensmotto ist keines von der betulichen, sondern von der realistischen Sorte. Wer die Not nicht befördern will, der leugnet sie nicht oder spielt sich als ihr „Gegner“ auf. Der weiß ganz genau, dass es sie wirklich gibt, die Not. Das spricht schon mal für Wahrnehmungsvermögen und für Verstand. Verleugnung führt nie zu etwas Gutem – weder in der eigenen Biografie noch in gesellschaftlichen und politischen Fragen. Auch nicht in medizinischen. Bloß der Not nicht auch noch Auftrieb geben.

Elend zu erkennen und zu beklagen, reicht allerdings nicht. Es braucht die Fähigkeit, Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Und zwar zügig. Dem Chef des Robert-Koch-Instituts platzte jüngst angesichts politischer Zögerlichkeiten der Kragen. Lothar Wieler sprach davon, er könne es nach 21 Monaten „schlichtweg nicht mehr ertragen“, wenn nicht erkannt wird, was er und seine Kollegen und Kolleginnen sagen. Er will Schluss damit machen, dass der furchtbaren Not immer noch Auftrieb gegeben wird. Und er ist nicht der Einzige. Annette Kurschus, die neue Ratsvorsitzende der EKD, hat ebenfalls die Nase voll. Die ruhige, argumentativ starke Theologin ist genervt von all denen, die immer noch auf bessere Einsicht hoffen, die niemals kommt. „Wir sind in einer Situation, in der jeden Tag dieses ganze Hin und Her Menschenleben kostet“, sagte sie. 400 innerhalb von 24 Stunden jeden Tag. Mehr als 100 000 bis jetzt. Der Not keinen Auftrieb geben: Sich impfen lassen, alle Regeln von AHA-L bis 2G plus streng beachten, Kontakte rigoros beschränken – und endlich verstehen, dass es auch, aber nicht nur um einen selber geht.

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