Warum ein Pater Lebensmittel klaut

von Redaktion

VON KATHRIN BRACK

Nürnberg – Pater Jörg Alt hat seine Aktion genau dokumentiert: Wie er am 21. Dezember begleitet von Journalisten einen symbolischen Lebensmitteldiebstahl begehen wollte und zunächst an einen leeren Container geriet. Wie er später beim Verteilen vor einem Nürnberger Supermarkt selbst die Polizei rufen musste, weil ihn vor Ort keiner anzeigen wollte. Wie sogar die Beamten bemerkten: „Das ist aber eine gute Aktion!“ Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn, und das ist genau das, was der 60-Jährige erreichen wollte. Mehr noch: Alt legt es auf eine Verurteilung an.

Der Jesuitenpater will darauf aufmerksam machen, wie absurd unser Umgang mit Lebensmitteln im Allgemeinen und entsorgten Nahrungsmitteln im Speziellen ist. Es geht um die Überproduktion, Verschwendung und Vernichtung von Nahrungsmitteln. Ziel der Aktion ist ein Lebensmittelrettungsgesetz, wie es beispielsweise Frankreich hat – und damit die Entkriminalisierung von Menschen, die Nahrungsmittel retten.

Wer entsorgte Lebensmittel aus Containern von Supermärkten holt, begeht in Deutschland eine Straftat. Im Sommer 2020 bestätigte das Bundesverfassungsgericht in letzter Instanz ein Urteil des Amtsgerichts Olching (Kreis Fürstenfeldbruck), das zwei Studentinnen wegen sogenannten Containerns zu Sozialstunden verurteilt hatte.

Auch Pater Alt droht eine Strafe wegen besonders schweren Diebstahls. „Damit hat sich die Staatsanwaltschaft für die sehr harte Variante nach Paragraf 243 StGB entschieden“, erklärt er auf seiner Homepage. Dafür droht ihm im schlimmsten Fall eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und zehn Jahren. Doch das nimmt er in Kauf.

Aufgerufen zu der Aktion hatte die „Letzte Generation“, die im Sommer mit einem Hungerstreik in Berlin für Aufsehen gesorgt hatte. Fast einen Monat lang verweigerten die jungen Aktivisten Nahrung, unter anderem, um ein Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten zu erreichen. „Ich habe die Streikenden im Hintergrund begleitet“, erklärt Pater Alt, der schon seit Jahren für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz eintritt, aber auch für die Freigabe von Patenten, wie aktuell im Fall der Impfstoffe gegen das Coronavirus. „Die Verschwendung von Lebensmitteln ist das beste Beispiel dafür, dass in der neoliberalen Ordnung Privateigentum über alles geht“, sagt der Priester. Die Aktion zur Lebensmittelverschwendung ist nur ein Teil eines größeren Komplexes, auf den Pater Alt und andere Aktivisten hinweisen wollen. In einem weiteren Schritt soll es um die Agrarwende gehen.

Doch zunächst muss sich der 60-Jährige mit den möglichen Folgen seiner aktuellen Aktion auseinandersetzen. Der promovierte Sozialwissenschaftler hat sich umfassend rechtlich beraten lassen, bevor er sich selbst angezeigt hat. Er erfährt viel Zuspruch für seinen Akt zivilen Ungehorsams, ihn erreichen Angebote von Menschen, die für eine mögliche Geldstrafe aufkommen wollen. „Aber jetzt schaun mer erst mal“, sagt er. Heute hat Pater Jörg Alt einen Termin mit einer Anwältin.

Spendenkonto

Wer Pater Alts Aktion unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende tun: Jesuitenweltweit DE61750903000005115582 Verwendungszweck: „Projekte Jörg Alt“

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