Er fährt mit der Pistenraupe, ist Hundeführer bei der Bergwacht und Lawinensprengmeister: Andreas Schütz (37) kennt die Berge rund um Garmisch-Partenkirchen wie kaum ein anderer. Wir sprachen mit ihm über risikofreudige Touristen, Sprengstoff und die Faszination Schnee.
Herr Schütz, wir Normalbürger hoffen gerade auf einen schneereichen Winter. Ihnen bringt das Arbeit, denn Sie müssen im Skigebiet Garmisch-Classic Lawinen sprengen. Wir nehmen mal an, dass Sie nicht einfach Sprengstoff in den Rucksack packen und dann loslegen.
Wir haben zwei Sprengtrupps, weil das Gebiet so groß ist. Grundsätzlich arbeiten wir bei uns mit sogenannten Sprengbahnen. Das bedeutet, dass im ganzen Gebiet an den gefährdeten Stellen Seile gespannt sind, an denen wir die Sprengladungen über die kritischen Hänge ziehen. Das wird mit der Kurbel gemacht, also in Handarbeit. Meist werden fünf Kilogramm Sprengstoff, manchmal auch Zwölf-Kilo-Pakete, an die Bahn gehängt und mit einer Zündschnur versehen.
Das ist dann sozusagen Ihre Fernsteuerung?
Richtig. Über die Länge der Zündschnur wird gesteuert, wie lang es vom Anzünden bis zur Explosion dauert. Das lässt sich berechnen: Zwei Meter Schnur brennen circa vier Minuten. Es gibt sogar Formeln, die die Höhenlage mit einbeziehen – denn oben brennen die Zündschnüre anders ab als im Tal. Sobald die Schnur brennt, läuft die Zeit, und wir ziehen per Kurbel das Sprengstoffpaket über den Hang. Und es ist auch noch genug Zeit, damit sich das Sprengteam in Sicherheit bringen kann…
Was würde so eine „Lawinenbombe“ denn im normalen Leben anrichten?
Das kann man nicht mit zum Beispiel Gesteinssprengstoff vergleichen, der Kraft entwickelt. Wir wollen bei der Explosion vor allem: Luft. Wir brauchen eine Druckwelle, die auf der Schneedecke eine extreme Zusatzbelastung simuliert und dann ein Schneebrett oder eine Lawine auslöst.
Hatten Sie schon immer ein Faible für Explosionen?
Nicht besonders, das kam im Zuge meiner Arbeit bei der Bayerischen Zugspitzbahn. Dafür gibt es eine Ausbildung zum Schneefeld-Sprenger. Man braucht ein polizeiliches Führungszeugnis, die Ausbildung ist dann kompakt auf eine Woche gebündelt. Aber für eine Zulassung muss man bei 25 Sprengungen dabei sein. Ich war also erst mal als ,Azubi’ bei einem älteren Sprengmeister dabei. Das ist wie eine Zusatzausbildung.
Wie oft müssen Sie im Jahr denn zum Sprengstoff greifen?
In der Saison etwa 30-mal. Es gibt Tage, da müssen wir drei- bis viermal am Tag sprengen, dann wieder längere Zeit gar nicht. Das hängt zum Beispiel auch davon ab, ob es große Schneeverfrachtungen durch den Wind gibt. Manchmal ist viel Wind und kaum Schneefall gefährlicher als große Neuschneemengen. Um das zu beurteilen, gehört viel Erfahrung dazu. Aber in der Lawinenkommission interessieren sich alle schon immer sehr für Schnee.
Hintergrund der Sprengungen ist die Sicherheit am Berg. Doch es gibt immer mehr Menschen, die am Berg große Risiken eingehen.
Es gibt viel mehr Tourengeher, im vergangenen Jahr mit den geschlossenen Liften hat das nochmals zugenommen. Aber wir wurden als Bergretter in unserem Einzugsgebiet nicht öfter zu Rettungen gerufen als früher.
Wenn es dann doch mal jemanden erwischt, kommen auch wieder Sie ins Spiel – bei der Bergwacht sind Sie ja auch. Was denken Sie über die risikofreudigen Wintersportler?
Es ist ein heikles Thema, viele nutzen ja auch die Pisten zum Aufstieg – das war im vergangenen Jahr kein Problem, da hatten wir die Lifte nicht offen. Wie es dieses Jahr aussieht, wird sich zeigen. Sagen wir mal so: Wenn die Leute nicht egoistisch denken, dann klappt das auch. Und wenn irgendwo „Piste gesperrt“ oder „Stop!“ steht, dann sollte man überlegen, warum das da steht. Und vielleicht auch mal darüber nachdenken, dass die Leute, die mich im Notfall retten müssen, sich dafür ebenfalls in Gefahr begeben. Im Zweifel sollte man lieber umdrehen, statt sich in Gefahr zu bringen. Es bricht keinem ein Zacken aus der Krone, wenn er sich 150 Höhenmeter spart und danach gemütlich ein Bier im Tal trinkt, statt einen Großeinsatz ausgelöst zu haben. Vielleicht sogar mit Hubschrauber – und die Allgemeinheit kommt für die Kosten auf.
Sie haben selbst auch Familie – sind Sie als Ehemann und Vater besonders vorsichtig, weil Sie die Gefahren der Berge täglich vor Augen haben?
Nein, ich erlebe ja auch die Schönheit der Berge täglich, nicht nur die Gefahren. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich lieber Touren- als Pistenski. Meine Frau geht auch sehr viele Skitouren, ich würde sie gerne öfters begleiten. Und unsere Kinder sind noch zu jung, um allein loszuziehen. Da geht es erst los mit dem Skifahren. Außerdem glaube ich nicht, dass ich mir da große Sorgen machen muss in Zukunft, denn sie wachsen ja in den Bergen auf und lernen, mit der Natur umzugehen.
Interview: Klaus Heydenreich