Der unerkannte Alltagsassistent

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Geretsried – Bjarki ist ein Border Collie, acht Monate alt – und steckt gerade mitten in der Ausbildung. In etwa anderthalb Jahren wird er ein Assistenzhund sein und seine Besitzerin sicher durch den Alltag bringen. Schon jetzt gelingt ihm das an vielen Tagen sehr gut. Zum Beispiel im Supermarkt.

Lisa Woitich ist Autistin und kann Reize schwer verarbeiten. Einkaufen ist für sie eine schwierige Situation. Zu viele Menschen, Geräusche und Gerüche. Früher musste sie immer jemand begleiten, wenn sie in den Supermarkt wollte – das gab ihr Sicherheit. Seit einiger Zeit übernimmt diese Aufgabe Bjarki. Der Assistenzhund legt sich zum Beispiel mit etwas Abstand vor ihre Füße, sodass ihr andere Menschen nicht zu nahe kommen. Oder er stupst sie kurz an, wenn er merkt, dass sie nervös wird. Wenn sie sich kurz hinsetzen muss, legt er seinen Kopf auf ihren Schoß. „All das beruhigt mich“, erklärt Woitich. Für sie bedeutet Bjarki wieder mehr Selbstständigkeit im Alltag.

Allerdings ist das Leben mit einem Assistenzhund mit viel Erklärungen verbunden. Die 25-Jährige berichtet, dass sie von Supermarkt-Mitarbeitern oft angemotzt werde, weil sie mit dem Hund in den Laden kommt. Bjarki trägt zwar eine Weste, auf der steht, dass man ihn nicht anfassen oder ablenken solle. Aber das macht ihn für viele nicht als Assistenzhund erkenntlich. „Viele Menschen wissen zwar von Blindenführhunden, haben aber noch nie von Assistenzhunden gehört“, sagt Woitich. Sie sind für Menschen mit sehr unterschiedlichen Einschränkungen eine wichtige Hilfe im Alltag. „Es gibt zum Beispiel Epilepsie-Warnhunde, die einen Anfall schon vorher erkennen können.“ Auch Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung können ihren Alltag mithilfe eines Assistenzhundes besser bewältigen. Das ist aber wenig bekannt, fürchtet Lisa Woitich.

Roswitha Warda kann das bestätigen. Sie hat deshalb den bundesweiten Verein Pfotenpiloten gegründet, der Betroffene unterstützen soll. Bislang, betont Warda, sind Menschen, die einen Assistenzhund nutzen möchten, ziemlich auf sich allein gestellt. „Blindenführhunde werden von der Krankenkasse bezahlt, für Assistenzhunde gibt es gar keine Unterstützung.“ Andere Länder seien da viel weiter, dort gebe es auch flächendeckend Schulen für die zweijährige Ausbildung der Tiere. Warda hofft allerdings, dass 2022 etwas vorangeht bei diesem Thema. Im Sommer trat ein Gesetz in Kraft, das Assistenzhunden Zutrittsrechte sichert. „Allerdings ist dieses Gesetz erst mal nur ein Rahmen, der nun durch die Rechtsverordnung mit Details gefüllt werden muss“, sagt Warda. Definiert werden müsse zum Beispiel noch, wann Tiere als Assistenzhunde gelten. Auch ein staatliches Kennzeichen wäre sinnvoll. Das würde Betroffenen ersparen, dass sie immer wieder ihre Krankheitsgeschichte erklären müssen.

Darauf hofft auch Lisa Woitich. Bis es so weit ist, hat sie ihre Supermärkte in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) über ihren Assistenzhund informiert. Trotzdem wird sie noch gelegentlich zurechtgewiesen. Sobald sie ihre Behinderung erklärt hat, darf Bjarki sie aber begleiten. Ausgerechnet in ihrer Psychotherapie-Praxis war es allerdings nicht so einfach. „Dort wurde mein Hund nicht akzeptiert“, berichtet sie. Sie hat den Ambulanzleiter angeschrieben, ihm ihre Situation geschildert und ihn auf das neue Gesetz hingewiesen, nach dem Assistenzhunde in Arztpraxen mitdürfen. „Ich habe vorgeschlagen, dass ich mit Bjarki durch die Hintertür in die Praxis komme, damit andere Patienten davon nichts mitkriegen“, erzählt sie. Darauf ließ sich die Praxis nicht ein, sie musste ihre Therapie vorerst abbrechen. Aktuell sucht sie nach einer neuen Praxis, in die sie Bjarki mitbringen darf. Doch die Wartelisten sind aktuell sehr lang.

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