Bürokratie bremst Pflegekraft-Suche aus

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Im Sommer war Hans Kopp noch optimistisch. Er war gerade aus Tunesien zurückgekehrt. Dort hatte der Geschäftsführer der Münchner Arbeiterwohlfahrt mit Vermittlungshilfe des früheren Landtagsvizepräsidenten Franz Maget und der deutschen Botschaft 13 Pflegekräfte angeworben. Alle von ihnen hatten einen Bachelor-Abschluss an der tunesischen Uni gemacht und Praxis-Erfahrung gesammelt. Auch die beiden anderen Bedingungen, die die AWO stellte, können sie erfüllen: Sie sprechen Deutsch auf B1-Niveau und sind mindestens zweimal gegen Corona geimpft. In Deutschland hätten sie berufsbegleitend einen Sprachkurs machen können, um die Sprachstufe B2 zu erreichen, die für die Anerkennung notwendig ist. In den AWO-Heimen werden weitere Pflegekräfte dringend gebraucht, die jungen Menschen saßen mit ihren Arbeitsverträgen quasi auf gepackten Koffern, erzählt Kopp. Es hätte alles so einfach sein können. Dann kam die Bürokratie.

Hans Kopp hat seit Sommer viel telefoniert wegen der 13 Tunesier. Erst mit der Ausländerbehörde im München. Seit September ist die aber nicht mehr zuständig, denn in Nürnberg ist eine zentrale Stelle für beschleunigte Fachkraftverfahren entstanden. Die ist nun Ansprechpartner für die potenziellen Arbeitgeber und koordiniert die Verfahren. Allerdings werden dort nur die ausländerrechtlichen Unterlagen geprüft. Das kostet die AWO 411 Euro pro Person. Kopp nimmt das gerne in Kauf. Trotzdem geht nichts vorwärts. Denn die fachlich-inhaltliche Prüfung übernimmt die Interessenvertretung der Pflegenden in Bayern für die jeweiligen Regierungsbezirke. „Diese sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung ist offenbar sehr langwierig“, sagt Kopp. Ganz nachvollziehen kann er das nicht. Die 13 Pflegekräfte haben einen Bachelor-Abschluss an einer anerkannten Uni, betont er. „Das sollte doch für ein Einreisevisum reichen. Medizinisch sind sie gut aufgestellt, fehlende Ausbildungsinhalte können vor Ort geprüft und nachgeholt werden.“ So ein Verfahren müsse doch schneller und einfacher laufen können, findet Kopp. Schließlich werden Pflegekräfte nicht nur in Bayern dringend gebraucht.

Die anderen Bundesländer schaffen es auch deutlich schneller. Das zumindest bekommt er von der Vermittlungsagentur gespiegelt. Und auch von den Fachkräften. Vor Kurzem durfte einer der 13 Tunesier einreisen. Er hatte die Gleichwertigkeitsprüfung für eine frühere Vermittlung in Niedersachsen machen lassen – und musste dort nicht so lange warten. Kopp ist deswegen besorgt. „So etwas spricht sich bei den ausländischen Fachkräften rum – Bayern wird für sie dadurch unattraktiver“, fürchtet er. In den sozialen Medien vor Ort werde bereits verbreitet, dass man Bayern wegen der langwierigen Verfahren meiden sollte.

Darauf hat Kopp vor Kurzem mit einem Brief auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Gesundheitsminister Klaus Holetschek (beide CSU) aufmerksam gemacht. „Wir haben unsere Hoffnung auf das beschleunigte Fachkraftverfahren gesetzt, das der Bund Anfang 2020 beschlossen hatte“, schreibt er und appelliert: „Bitte nutzen Sie Ihren Einfluss, damit wir in diesem für uns akuten Zukunftsthema konkrete Fortschritte der Zuwanderungserleichterung erreichen.“ Bisher hat er noch keine Antwort bekommen.

Kopp bleibt nichts anderes, als abzuwarten und zu hoffen, dass die zwölf ausstehenden Visa schnell erteilt werden. Und dass sich die Pflegekräfte nicht anderweitig bewerben. „Wir haben in unseren Heimen schon jetzt Engpässe“, berichtet er. Deshalb wollte er sich rechtzeitig um Entlastung kümmern. Im Sommer wusste er noch nicht, wie viel Zeit er für die Bürokratie in Bayern einkalkulieren muss.

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