München – „Krankenschwester ungeimpft sucht neuen Wirkungsbereich“ – diese Stellenanzeige ist mit leichter Variation dutzendfach vor einigen Tagen im Traunsteiner Tagblatt erschienen. In der Region sind 61 Prozent der Menschen zweimal geimpft, 41 Prozent dreimal – die Zahl der Impfskeptiker ist also deutlich höher als in vielen anderen Landkreisen. Dass so viele Krankenschwestern gerade ihren Job wegen der Mitte März in Kraft tretenden Impfpflicht aufgeben wollen, wagt ein Sprecher des örtlichen Krankenhauses aber zu bezweifeln. „Zumindest zwei Anzeigen hatten sogar dieselbe Telefonnummer“, sagt er. Die wenigsten Pflegefachkräfte würden sich vermutlich als „Krankenschwester“ bezeichnen – auch das deutet eher auf eine Aktion von Querdenkern hin. Die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter im Krankenhaus sei geimpft, sagt der Sprecher. Eine Kündigungswelle gebe es nicht.
Die Angst, dass viele Pflegekräfte kündigen könnten, ist allerdings real. Ab dem 16. März tritt die vom Bundestag beschlossene einrichtungsbezogene Impfpflicht in Kraft. In Krankenhäusern, Altenheimen und bei Pflegediensten dürfen dann nur noch geimpfte Personen arbeiten. Das gilt zwar nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für Küchenhilfen oder Mitarbeiter in der Verwaltung. Da aber schon jetzt in der Pflege Fachkräfte fehlen, ist die Sorge groß, dass nicht mehr genug Personal da sein wird.
Noch gebe es zwar nur ganz vereinzelt Kündigungen, berichten das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt oder die Caritas. „Die Folgen der Impfpflicht lassen sich für uns noch nicht abschätzen“, sagt BRK-Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. In den Einrichtungen des Roten Kreuzes seien inzwischen über 85 Prozent der Mitarbeiter geimpft, berichtet er.
Ähnlich hoch ist die Quote in den Heimen und bei den Pflegediensten der Caritas. „Wir merken, dass die Impfbereitschaft in den vergangenen Wochen größer geworden ist“, sagt Taheri. „Aber einige Pflegekräfte werden sich wohl auch bis Mitte März nicht impfen lassen.“ Auch wenn das Einzelfälle seien: „Entbehren können wir niemanden.“
Die Caritas blickt mit Sorge auf den März. „Selbst wenn wir bis dahin eine Impfquote von 95 Prozent haben, würden hunderte Leute fehlen“, sagt Sprecher Tobias Utters. Schließen werde deshalb keine Einrichtung, betont er. Wie sich das konkret auf den Alltag der geimpften Pflegekräfte auswirken wird, kann er aber noch nicht abschätzen.
Kaspar Pfister ist da bereits einen Schritt weiter. Sein Pflegeunternehmen Benefit versorgt an 29 Standorten in fünf Bundesländern insgesamt 3500 Menschen durch Pflegedienste oder in Heimen. Schon im Herbst 2020 hatte er bei seinen Mitarbeitern die Impfbereitschaft abgefragt – und war alarmiert. Er überlegte sich Prämien und Aktionen. Im vergangenen Oktober waren 80 Prozent seiner rund 2000 Mitarbeiter geimpft. „Das ist viel – aber es reicht nicht“, sagt er. Denn es gab auch 43 Corona-bedingte Todesfälle in seinen Einrichtungen. Deshalb setzt Pfister seit 1. Dezember eine Impfpflicht für alle Mitarbeiter um. 97 Prozent sind inzwischen geimpft. 50 Personen noch nicht. Sie sind freigestellt, bekommen aber weiterhin ihr Gehalt. Bis im März die bundesweite Impfpflicht gilt, gebe es arbeitsrechtlich keine andere Möglichkeit, sagt er.
14 Mitarbeiter hätten wegen der Impfung gekündigt. sagt er. „Leid tut mir das um jeden einzelnen.“ Letztendlich seien die Ausfälle in den letzten Wochen aber leichter zu kompensieren gewesen als in der Urlaubszeit, betont er. Auch die Hass- und Drohbriefe, die er bekommen hat, haben ihn nie an seiner Entscheidung zweifeln lassen. „Wir haben eine Verantwortung für die Menschen, die uns anvertraut werden“, sagt er. „Wir müssen sie bestmöglich schützen – und das geht nur durch die Impfungen.“ Auch etwas anderes bestärkt ihn in seiner Entscheidung: 240 seiner Mitarbeiter, die sich nicht impfen lassen wollten, haben sich inzwischen umentschieden.