Obermaiselstein – Der Himmel ist grau, es liegt jede Menge Schnee am Berg. Doch die achtjährige Amira weiß ganz genau, was zu tun ist. Irgendwo in den weißen Massen ist ein Mensch verschüttet und wartet auf Rettung. Das erfahrene Australian-Shepherd-Weibchen nimmt die Witterung auf und rennt zielstrebig den Hang hoch, gefolgt von Herrchen Dörg Stephan. Plötzlich bellt Amira, fängt an zu graben, letztlich quetscht sie sich in das Loch hinein. In der geschlossenen Schneehöhle hat die Hündin eine Verschüttete gewittert. Der 57-jährige Stephan ist kurz darauf am Unglücksort und gräbt mit seiner Schaufel weiter. In diesem Fall war es nur eine Übung. In diesen Tagen läuft wieder einmal das Training mit den elf Allgäuer Suchhunden im Skigebiet Grasgehren bei Obermaiselstein im Oberallgäu – am Ende müssen die Vierbeiner sowie ihre Herrchen oder Frauen eine Prüfung absolvieren.
Dörg Stephan (57) ist hauptamtlicher Bergwacht-Mitarbeiter. Eigentlich kümmert er sich im technischen Dienst um die Funkanlagen der Rettungsorganisation. Als Mitglied der Hundestaffel ist er allerdings ehrenamtlich tätig, wie all die anderen auch. Im Ernstfall muss er bei einer Alarmierung sofort zum Unglücksort eilen und mit Amira die Suche aufnehmen. Es kommt auf Minuten an. „Die berühmten 15 Minuten, wo man eine Überlebenschance hat, sind ruck, zuck vorbei“, sagt er.
Tatsächlich wird nur in wenigen Fällen ein ausgebildeter Suchhund in dieser Viertelstunde, die die Experten als Überlebenszeit in der Lawine annehmen, zur Stelle sein. Denn die Hundeführer sind oftmals bei der Arbeit, müssen mit ihrem Tier nach der Alarmierung erst einmal meist per Auto zum Unglücksort gelangen – es kann eine halbe Stunde vergehen. „Nach wie vor ist die Kameradenhilfe die größte Chance, jemanden noch lebend aus der Lawine zu holen“, betont der Leiter der Allgäuer Lawinenhundestaffel, Xaver Hartmann.
Aber es kommt natürlich immer wieder vor, dass Verschüttete wesentlich länger als 15 Minuten im Schnee überleben. Dann schlägt die Stunde der Hunde, die, falls möglich, mit dem Helikopter eingeflogen werden. „Ein Lawinenhund ersetzt bei der Suche nach Verschütteten und Vermissten 20 Bergwachtleute, und sein Geruchsvermögen ist rund 50-mal besser als das des Menschen“, erläutern die Kollegen der Lawinen- und Suchhundestaffel in der Bergwacht-Region Chiemgau. Daher sei auch in der heutigen Zeit trotz der Fortschritte der Technik nach wie vor der Einsatz der Vierbeiner die effektivste Methode, um Lawinenopfer schnell aufzuspüren.
Manche Menschen denken bei Lawinensuchhunden an die massigen Bernhardiner aus der Schweiz. Die Legende von dem Bernhardiner, der mit einem Fässchen Schnaps um den Hals das Opfer rettet, hält sich in den Köpfen. Alles Unsinn! „Das ist ein Mythos, das hat es noch nie gegeben“, sagt Hartmann.
Der Bundesverband Rettungshunde erläutert, dass Lawinenhunde besondere Anforderungen erfüllen müssten. „Der Transport mit Hubschrauber, Sessellift, Gondel und Pistenfahrzeug muss trainiert und beherrscht werden“, betont der Verband. Bei der Ausbildung lerne der Vierbeiner, „seinen Ski fahrenden Hundeführer zu begleiten und sich mit ihm aus großen Höhen abzuseilen“. Dabei sind die Spürnasen nicht nur im Winter gefragt. Im Sommer kommen sie bei der Vermisstensuche zum Einsatz, denn regelmäßig verlaufen sich in den Alpen Wanderer und finden dann den Weg nach unten nicht mehr. Auch bei Erdbeben oder Hauseinstürzen können die spezialisierten Lawinenhunde wertvolle Hilfe leisten.