München – Nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens gibt es erste personelle Konsequenzen: Lorenz Wolf, einer der einflussreichsten katholischen Geistlichen in Bayern, lässt vorerst alle seine Ämter ruhen. Und das sind einige: Der 66-Jährige ist nicht nur der Leiter des wichtigen Katholischen Büros, der Kontaktstelle zwischen Kirche und Politik in Bayern, er ist auch Vorsitzender des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks und ein wichtiger Kirchenrichter (Offizial). Wolf wurde in dem Gutachten in zwölf Fällen vorgeworfen, er habe die Interessen der beschuldigten Kleriker vor die mutmaßlichen Opfer gestellt. Der Kirchenrechtler weist das vehement zurück.
Kardinal Marx berichtete gestern, dass er Wolf geschrieben habe „und er hat mir mitgeteilt, dass er alle Ämter ruhen lassen wird. Damit bin ich einverstanden.“ Der Prälat wolle „zu gegebener Zeit Stellung nehmen“. In den vergangenen Tagen hatte es zahlreiche Rücktrittsforderungen an Wolf gegeben.
Der Prälat ist nicht irgendein Mitarbeiter. Er zählt seit Langem zu den gefragtesten Kirchenrichtern in Deutschland. Das Gutachten und die bisher erfolgten Reaktionen deuten auch darauf hin, dass das Verhältnis zwischen Kardinal Reinhard Marx, seinem langjährigen Generalvikar Peter Beer (2010 – 2020) und dem Kirchenrechtler nicht immer spannungsfrei war. Das gilt gerade für den Umgang mit Missbrauchsfällen.
Ein umstrittenes kirchliches Strafdekret über den Wiederholungstäter Peter H. aus dem Jahr 2016 trägt Wolfs Unterschrift. Marx und Beer waren verärgert, dass H.s Berufsverbot zwar bestätigt, er aber nicht aus dem Klerikerstand entlassen wurde. Dass Opferbelange bisher zu kurz gekommen seien, hat Wolf in einem Gespräch mit den Gutachtern allgemein eingeräumt. Aber er setze sich in einer Arbeitsgruppe für eine neue kirchliche Strafgerichtsbarkeit in Deutschland dafür ein, dass die Opfer eine eigenständige Rolle im kirchlichen Strafverfahren bekommen sollen. Von ihm persönlich erhielten sie jede Unterstützung, die sie wollten, wenn auch nicht grenzenlos, sagte er. Das hat Missbrauchsopfer Richard Kick so nicht erfahren. Er sagte nach der Pressekonferenz: „Ich fordere, dass er nicht von sich aus zurücktritt, sondern dass er auf den Hof hinaus gejagt wird.“ cm/kna