München – Offenheit für notwendige Reformen in der katholischen Kirche – von der Abschaffung des Pflichtzölibats bis zur Predigterlaubnis für Frauen in der Kirche – zeigt der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (Donnerstagausgabe) präsentiert sich der Erzbischof, der durch die Veröffentlichung des von ihm in Auftrag gegebenen Missbrauchsgutachtens selbst schwer in die Kritik geraten ist, außergewöhnlich selbstkritisch über den Zustand seiner Kirche.
Laut Marx liegt in der Mitbrüderlichkeit unter den Priestern gleichwohl die Gefahr, „dass wir den Kreis dicht machen. Hier kommt keiner rein! Heute sage ich klar: Das ist so nicht akzeptabel und auch nicht gut für uns selbst.“ In Bezug auf den Missbrauchsskandal in der Kirche räumt der 68-Jährige ein, dass man in der Vergangenheit „leider“ oft einem Priester geglaubt habe, wenn er den Vorwurf des Missbrauchs abgestritten habe. „Wir haben den Priesterstand schützen wollen.“ Ab 2010, als das Ausmaß der Fälle bekannt wurde, sei das aber nicht mehr geschehen.
Deutlich weist der Kardinal die Vermutung zurück, er oder seine engsten Mitarbeiter hätten Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 in der Missbrauchsdebatte aus der Schusslinie nehmen wollen. „Weder damals noch heute wollten und wollen wir ihn weder in falscher Weise schützen noch ihm schaden“, sagt Marx. Seinem Beraterstab gegenüber habe er auch immer deutlich gemacht: „Hier wird die Wahrheit nicht verbogen, das machen wir nicht.“
Er, Marx, habe keine Anweisung an den damaligen Generalvikar Gerhard Gruber gegeben, der 2010 die Verantwortung für den Einsatz des Priesters Peter H. in der Seelsorge übernommen hatte. „Das müssen andere sagen, wer da welche Gespräche geführt hat. Generalvikar Beer hat gesagt, Gruber übernimmt die Verantwortung für den Einsatz des Priesters.“ Es habe damals aber schon die Intention gegeben zu sagen: „Wir wollen nicht, dass dem Papst ungerechtfertigt etwas unterstellt wird.“ Benedikt XVI. könne letztlich aber nur selber sagen, was er gewusst habe. Marx hoffe nun, dass sich der emeritierte Papst wie angekündigt umfassend äußern werde. „Und dass die Erklärung auch ein gutes Wort der Anteilnahme mit den Betroffenen enthält und berücksichtigt, was die Erwartungen sind, die jetzt da sind.“
Über Missbrauch hätten sie beide zum ersten Mal 2010 gesprochen, sagt Marx. Damals sei der Medienwirbel riesig gewesen. „Da habe ich beim Mittagessen zu ihm gesagt: Du und ich, wir beide wissen, wenn da nichts ist, dann verläuft sich das. Aber wir wissen, dass zu viel da ist. Deswegen wird sich das nicht verlaufen, und wir werden das anpacken müssen.“ cm