Sie ist Mutter von sechs Kindern und hat schon 24 Enkelkinder: Die frühere bayerische Sozialministerin Christa Stewens (76). Als Gründungsmitglied und Beiratsvorsitzende von Donum Vitae, einem christlichen Verein zur Schwangerschaftskonfliktberatung, setzt sich die frühere CSU-Ministerin mit aller Kraft dafür ein, dass Frauen in schwierigen Lebenslagen alle vorstellbare Hilfe bekommen, damit sie sich doch für ein Leben mit dem Kind entscheiden können. Mit ihr sprachen wir über die Initiative der Bundesregierung, das Werbeverbot der Ärzte für Abtreibungen zu streichen (wir berichteten).
Die Ampel-Regierung will den Paragrafen 219a streichen. Darin ist Ärzten verboten, aktiv für Abtreibungen zu werben. Wie sehen Sie das Vorhaben?
Grundsätzlich denke ich, den 219a komplett zu streichen, ist nach meiner Auffassung der falsche Weg. Ich bin der Ansicht, dass man die Information für Frauen in Konfliktsituationen verbessern muss, dass die Ärzte auch eine objektive Information geben können müssen. Aber Werbung darf nicht geschehen. Hier geht es doch schließlich darum, ein ungeborenes Leben zu schützen.
Sehen Sie denn ein Informationsdefizit für Frauen, die sich mit dem Gedanken befassen, die Schwangerschaft abzubrechen?
Ich habe mich extra erkundigt: Ein Informationsdefizit als solches gibt es wohl nicht. Man kann sich bei der Bundesärztekammer informieren, bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – es gibt Wege, an Informationen zu kommen. Allerdings sind bestimmt für manche Frauen und Männer in einer so schwierigen Lebenssituation die Informationswege zu kompliziert. Aber die Möglichkeit, sich zu informieren, die gibt es natürlich.
Was würde die Streichung des Werbeverbots für die Beurteilung einer Abtreibung bedeuten?
Das würde die Hemmschwelle senken. Deswegen hat sich ja damals der Gesetzgeber mit dem Paragrafen 219a doch auch viel Mühe gegeben und diese Barrieren eingebaut. Man hat das Gesetz vor zwei Jahren noch einmal verändert dahingehend, dass reine Information durch Ärzte möglich ist. Damals hat auch die Bundesärztekammer gesagt, dass sie mit diesem veränderten 219a einverstanden ist. Das ist ja immer unsere große Befürchtung bei Donum Vitae, dass diese Schwelle davor, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, weiter gesenkt wird. Die Beratungspflicht mit dem Beratungsschein hat ja genau den Sinn, dass wir das ungeborene Leben schützen wollen. Aber wir wollen gleichzeitig der Frau beziehungsweise den Eltern ein Leben mit dem Kind ermöglichen. Ihnen die Aussicht geben, dass ein Leben mit dem Kind gelingen kann. Und deswegen wollen wir Schwierigkeiten, die die Frauen da sehen, mit den unterschiedlichsten Hilfsangeboten aus dem Weg räumen. Seien es finanzielle oder ideelle Probleme.
Die Aufhebung des Werbeverbotes wird als erster Schritt gesehen, um die Legalisierung von Abtreibung anzustreben. Welche Folgen hätte das?
Der Hintergrund ist, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafrecht rauszubekommen. Ich glaube, dass sie damit kaum Erfolg haben werden. Dazu muss man sich auch einmal die Verfassungsgerichtsurteile durchlesen. Es würde etliche Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht geben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ungeborenes Leben den höchsten Schutz erhalten muss. Das kann man nicht zur Disposition stellen. Und die Gefahr sehe ich.
In Bayern heißt es, gebe es nicht genügend Ärzte, die Abtreibungen durchführen. Ist das so?
Man hört allgemein, dass es immer weniger Ärzte gibt, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Das sagen uns auch die Frauen, die in die Beratung kommen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist für viele Ärzte, die ja dem Leben verpflichtet sind, mit Sicherheit auch keine so einfache Aufgabe.
In Berlin gibt es ein Familienplanungszentrum, das per Telemedizin einen Schwangerschaftsabbruch mit Medikamenten zuhause ermöglicht. Die Hälfte der Frauen, die das 2021 genutzt haben, stammten aus Bayern.
Das halte ich für einen absoluten Irrweg! Das kann auch eine Gefährdung der Gesundheit der Mutter bedeuten. Ich glaube nicht, dass ein Schwangerschaftsabbruch ein so leichter medizinischer Eingriff ist, dass man das Zuhause auf dem Sofa machen kann.
Interview: Claudia Möllers