Augsburg/Schliersee – Überrascht ist Pflege-Experte Claus Fussek nicht, als er die haarsträubende Nachricht hört – aber trotzdem nicht minder erschüttert. „In jedem Bundesland gibt es wohl mehrere Schliersees“, sagt er. „Jedes Mal denke ich aber: So etwas kann doch nicht in Deutschland passieren.“ Im Seniorenheim Ebnerstraße in Augsburg sollen Bewohner nicht gewaschen worden sein, gehungert und falsche Medikamente erhalten haben. 14 ehemalige Mitarbeiter haben sich zu Wort gemeldet und die massiven Missstände im Heim geschildert – und dieses Heim hat denselben Träger wie die Seniorenresidenz Schliersee (Kreis Miesbach), die vor vier Monaten doch genau aus diesen Gründen schließen musste (wir berichteten).
„Das war kein Altenheim, das war ein Gefängnis“, berichtete ein Ex-Mitarbeiter, der wie alle anderen anonym bleiben möchte, dem Bayerischen Rundfunk (BR). An eine Seniorin denke er noch jeden Tag: „Sie saß tot auf dem Rollator in ihren eigenen Exkrementen.“ Die Tote hatte das Rotavirus und sollte auf Anweisung gesäubert und ins Bett gelegt werden. Das berichteten die früheren Kollegen dem BR unabhängig voneinander. Auch in einem weiteren Fall decken sich ihre Aussagen: Die Wunde eines Bewohners soll nicht versorgt worden sein, bis sich Maden bildeten und sein Bein amputiert wurde. Auch hier wurden die Mitarbeiter angewiesen zu schweigen. Beide Fälle hat das Heim gegenüber dem BR bestritten. Der Medizinische Dienst hat bei den letzten beiden Besuchen im Oktober 2021 und im Januar dieses Jahres aber gefährliche Pflege-Defizite protokolliert.
Betreiber des Augsburger Seniorenheims ist laut BR die S.O. Nursing Homes GmbH, die dem Konzern Sereni Orizzonti gehört. Die Firma betrieb auch das Schlierseer Heim, mit dem sich Gerichte noch immer beschäftigen, unter anderem wegen Verdachts auf mutmaßliche Körperverletzung an 88 Bewohnern und 17 Todesfällen.
Nach Schließung des Heims Ende September vorigen Jahres zogen trotz allem etwa 20 Bewohner und Teile des Personals in das Augsburger Heim. 35-mal wurde das Heim in Schliersee kontrolliert. „Der Medizinische Dienst hat dort ja fast gewohnt“, sagt Fussek, der 44 Jahre lang für die Vereinigung Integrationsförderung gearbeitet hat. „Wer kommt auf die Idee, Angehörige aus einem Katastrophenheim ins andere zu verlegen?“, fragt er sich. Ebenso sei der Ruf des Betreibers doch bekannt.
Die Opposition im Landtag erzürnt der Fall: „Wie viele Skandale will die Staatsregierung noch abwarten? Ein Jahr nach der dürftigen parlamentarischen Aufarbeitung von Schliersee finden sich dieselben Bewohner in der gleichen Hölle wieder!“, sagt Andreas Krahl (Grüne). Fussek hält das für zu kurz gedacht. „Das stimmt, aber bei solch gravierenden Mängeln versagen zuerst die Menschen vor Ort.“ Pflegekräfte, Therapeuten, Reinigungspersonal und Ärzte sowie Angehörige oder gesetzliche Betreuer der Bewohner versagten, wenn sie schweigen. „Dieses Frühwarnsystem hat in Schliersee und nun offenbar auch in Augsburg versagt“, so Fussek. „Fehler passieren, aber Pflegekräfte müssen erkennen, wenn sie zu Verbrechen werden.“ Diese „Allianz des Wegschauens“ gelte es zu brechen.
Dafür plädiert auch auch Andrea Würtz, die als Mitarbeiterin der Regierung von Oberbayern 2020 an das Landratsamt Miesbach kam und in den Heimen die Reihen-Testungen durchführte. Sie sah damals die Not in Schliersee und schrieb an Regierung und Heimaufsicht. „Schliersee ist kein Einzelfall“, sagt sie und findet es in Hinblick auf den Augsburger Fall traurig, dass die nötige Kursänderung immer noch nicht passiert ist. „Es ist zu einfach, wenn Kollegen aus Angst vor dem Arbeitgeber anonym bleiben“, sagt sie. Schon nach Schließung des Schlierseer Heims schlug Würtz vor, die Heimaufsicht nicht mehr in Landratsämtern anzusiedeln, sondern bei einer übergeordneten Stelle. Und auch Krahl kritisiert „Es ist nicht zielführend, wenn die Behörde, die die Beratungsleistung erbringt, auch sanktionieren muss.“
Die Stadt Augsburg will gegen die Missstände vorgehen: „Die Entwicklung ist inakzeptabel“, sagt Gesundheitsreferent Reiner Erben. Über neue Anordnungen bis hin zur Schließung des Heims soll nun beraten werden.