Die Bergung hat begonnen

von Redaktion

VON DIRK WALTER, CARL C. EICK UND ANDREA KÄSTLE

München/Schäftlarn – Die Vermutung kursierte schon seit Tagen, nun ist es gewissermaßen amtlich: Oberstaatsanwältin Anne Leiding hat bestätigt, dass der Lokführer der S-Bahn, die Richtung München fuhr, bei der Abfahrt aus dem Bahnhof Ebenhausen-Schäftlarn „vermutlich“ ein Signal überfahren hat. Ob er danach eigenmächtig – ohne vorgeschriebene Rücksprache mit dem Fahrdienstleiter – die Zwangsbremsung löste, „ist Gegenstand der Ermittlungen“.

Wenig später kam es in einer Kurve zum Zusammenstoß mit einer S7, die verspätet aus München Richtung Schäftlarn unterwegs war. Der 21-jährige Lokführer, der aus dem Großraum München stammt, wurde ebenfalls schwer verletzt. Bei dem nun als „Beschuldigten“ eingestuften Lokführer handelt es sich um einen 54-Jährigen aus dem Raum Fürstenfeldbruck, er liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus, konnte aber am Mittwoch vernommen werden. Auch eine Hausdurchsuchung wurde durchgeführt – das sei aber „eine routinemäßige Maßnahme“, wie die Polizei betonte. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung, eventuell kommt noch das Delikt einer „Gefährdung des Bahnverkehrs“ hinzu.

Was den Lokführer dazu verleitet hat, das Signal zu ignorieren, ist unbekannt. Die Ermittlungen führt eine Einsatzgruppe „S-Bahn“ der Münchner Verkehrspolizei mit acht Beamten. Außerdem wurde ein Gutachter aus Stuttgart beauftragt, der 2016 auch das Zugunglück von Bad Aibling analysierte.

Insgesamt werden wohl über 100 Zeugen vernommen, die S-Bahnen waren jeweils mit rund 60 Personen besetzt. Vier von ihnen wurden schwer, weitere 25 leicht verletzt.

Ein Mensch, ein 24-jähriger afghanischer Flüchtling, wurde getötet – er saß in der S-Bahn Richtung München direkt hinter dem Führerstand. Mitglieder des Asylhelferkreises zeigten sich bestürzt, sie hatten den jungen Mann betreut. Er war Anfang 2018 nach Deutschland gekommen und lebte in einer Gemeinschaftsunterkunft in Wolfratshausen. Das Mitgefühl gelte „der Herkunftsfamilie in Afghanistan, für die ein persönlicher Abschied nicht mehr möglich ist“, sagte Sprecherin Ines Lobenstein. Mustafa M. war allein nach Deutschland gekommen, seine Eltern leben in einem Dorf in Afghanistan und wurden von einem Bekannten über den Tod des Sohnes informiert. Der Ablauf der Bestattung werde geprüft.

In Schäftlarn begannen gestern trotz Sturms und peitschenden Regens die Aufräumarbeiten. Als Erstes konnte ein zehn Tonnen schweres Drehgestell mithilfe eines Straßenkrans geborgen werden, am Abend dann erste Waggons. Fahrbare Teile des Zugs, der aus München kam, sollen auf der Schiene mit einer Diesellok weggeschleppt werden – die vier hinteren Wagen wurden so bereits zum S-Bahn-Werk Steinhausen gezogen.

Schwieriger sei die Bergung des zerstörten Zuges, der aus Wolfratshausen kam, sagte Werner Bögl, der Einsatzleiter beim Notfallmanagement der Bahn, der mit 20 Leuten vor Ort war und vom Technischen Hilfswerk unterstützt wurde. Ein Abtransport auf der Schiene sei „unmöglich“. Doch nicht nur die Züge sind zerstört – auch die Gleise. Auf einer Länge von 200 Metern müssten Schwellen, Schotter und Schienen ausgetauscht oder repariert werden, schätzt Bögl. Wie lange das dauert – darüber will der Notfallmanager lieber nicht spekulieren.

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