Als Schulleiter am Gymnasium Bruckmühl (Kreis Rosenheim) beobachtet Walter Baier nach rund zwei Jahren Pandemie mit Sorge die Auswirkungen für Jugendliche. Als Landesvorsitzender der Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Bayerischen Gymnasien weiß er: Die Probleme an seiner Schule sind kein Einzelfall. Zum heutigen Tag der Zwischenzeugnisse sprachen wir mit ihm über wachsende Leistungsunterschiede, psychische Probleme und mögliche Lösungen.
Landesweit zittern Schülerinnen und Schüler heute ihren Zwischenzeugnissen entgegen. Sie haben ein etwas anderes Modell gewählt, warum?
Das war eine gemeinsame Entscheidung mit den Eltern. Wir geben, wie auch andere Schulen, aufs Jahr verteilt drei Zwischenberichte heraus. Das hat den Vorteil, dass die Eltern nicht nur eine Note sehen, sondern alle Teilnoten – das ist viel aussagekräftiger. Den zweiten Zwischenbericht gibt es heute. Praktisch ist er dem Zwischenzeugnis recht ähnlich, es steht auch drauf, wenn jemand gefährdet sein sollte.
An Grundschulen werden Zwischenzeugnisse immer öfter durch sogenannte Lernentwicklungsgespräche ersetzt, um individuell auf einzelne Schüler einzugehen. Wäre das auch an weiterführenden Schulen denkbar?
Bedingt. Wir bemühen uns bereits um individuelle Förderung. Bei gefährdeten Schülern werden die Eltern zu einem Gespräch gebeten. Es nimmt allerdings nicht jeder dieses Angebot wahr. Mittelstufenschüler zwischen 13 und 16 sind nicht erpicht darauf, mit ihren Eltern zu einem Gespräch zu kommen.
Corona bestimmt nach wie vor den Schulalltag. Welche Bilanz ziehen Sie nach dem letzten Halbjahr?
Die Leistungsschere innerhalb einer Klasse geht immer weiter auseinander. Wenn einmal der Faden gerissen ist, ist es sehr schwer, dass die Schüler wieder aufholen. Selbst bei guten Schülern mit stabilem Elternhaus beobachten wir, dass viele psychische Probleme haben und in therapeutischer Behandlung sind. Zwei Jahre Pandemie gehen nicht spurlos an der Jugend vorbei. Bei anderen Schülern haben wir die Vermutung, dass sie eine Spielsucht entwickelt haben und die ganze Nacht vor dem Computer zocken.
Wurden die Leistungen der Schüler in den letzten zwei Jahren anders bewertet, also gab es einen Pandemie-Bonus?
Natürlich wurde der Anspruch etwas gesenkt. Aber alle Tests wurden durchgeführt. Wir wollten den Schülern den Einstieg nach einer so langen Zeit ohne Leistungsnachweis wieder erleichtern. Es hatte allerdings den Effekt, dass die Guten noch besser sind und die Schlechten immer noch genauso schlecht.
Wie kann man der abgehängten Jugend helfen?
Mit unseren Förderangeboten sind wir bei denen, die es eigentlich bräuchten, völlig ins Leere gelaufen. Welcher überforderte Jugendliche kommt freiwillig am Nachmittag in die Schule? Und neben den schlechten Leistungen gibt es eben viele psychische Probleme. Die haben deutlich zugenommen – das höre ich aus allen Regierungsbezirken. Meine Forderung an die Politik: Mehr Sozialpädagogen an die Schulen. Und zwar so schnell es geht!
Das Gespräch führte Laura May