München – Otto Horak sitzt vor seinem Computer und fragt sich, wie er helfen kann. Gerade hat er eine E-Mail seines Freundes Walerij aus Baryschiwka, einem kleinen Ort rund 70 Kilometer östlich von Kiew, gelesen. Die beiden kennen sich seit drei Jahrzehnten – seit die Gemeinde Pullach im Kreis München eine Partnerschaft mit Baryschiwka eingegangen ist. Nun berichtet ihm Walerij von den Raketen, den Detonationen, den Panzern. „Seine Töchter und Enkel sind bei ihm, die ganze Familie schläft im Keller aus Angst vor einem russischen Angriff.“ Horak würde so gerne etwas tun – genau wie etlich andere Pullacher, die seit Jahren enge Freundschaften zu den Menschen in der Ukraine pflegen. Und wie etliche andere Partnerstädte oder -gemeinden in Bayern. „Bis zum Wochenende haben wir noch Pakete geschickt“, erzählt er. Das geht nicht mehr. Auch wenn er Geld senden würde, käme das nicht mehr an. Für die Flucht aus der Ukraine ist es zu spät. Horak weiß nicht, wie lange er von Walerij noch E-Mails erhalten kann. Auch wie lange Telefonanrufe noch möglich sein werden, weiß er nicht.
„In Pullach bereiten wir uns alle darauf vor, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen“, sagt Horak. Als Vorsitzender des Partnerschaftsvereins schreibt er einen Spendenaufruf. Er will etwas tun. Er will mehr tun, als Walerij zu schreiben, wie sehr er an ihn und seine Familie denkt.
In vielen Gemeinden passiert gerade Ähnliches. Bürgermeister rufen zu Solidarität auf – und bitten schon jetzt explizit auch um Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge. Zum Beispiel die Stadt Wolfratshausen. Wer Wohnraum oder Unterkünfte für ukrainische Flüchtlinge bereitstellen könne, solle sich bei der Stadt melden. Auch die Sportvereine sind bereits informiert worden, dass ihre Sportstätten kurzfristig zur Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine genutzt werden könnten, sagt Vize-Bürgermeister Günther Eibl. „Wir wollen vorbereitet sein.“
Christoph Göbel, Landrat im Kreis München, rechnet schon in den nächsten Tagen mit Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet. Er hat am Freitagvormittag einen Koordinierungsstab eingerichtet und die Verwaltung gebeten, alle Vorkehrungen zu treffen. Auch an die Bevölkerung richtete er einen Appell: „Wenn Sie Platz zur Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine haben, melden Sie sich bitte bei uns. In dieser schwierigen Zeit müssen wir gemeinsam alles daran setzen, einen Beitrag zur Bewältigung der schrecklichen Folgen dieses sinnlosen Krieges zu leisten.“
Auch die Regierung von Oberbayern ist bereits aktiv geworden. Sie hat die Landratsämter aufgerufen, zu prüfen, welche Kapazitäten es für Flüchtlinge aktuell gibt. Auch in den staatlichen Unterkünften gibt es noch Kapazitäten, sagt ein Sprecher. „Wir prüfen gerade, wo wir noch freie Plätze schaffen können.“ Ukrainische Staatsbürger können visumfrei einreisen und auch in privaten Unterkünften unterkommen, erklärt er.
Die großen Hilfsorganisationen haben ebenfalls bereits Spendenkonten eingerichtet (siehe Kasten). Die Malteser haben am Donnerstag einen Hilfskonvoi von Trier in die Ukraine geschickt. Die Mission Lifeline, die sich vor allem für Seenotrettung im Mittelmeer engagiert, schickt einen kleinen Konvoi an die slowakisch-ukrainische Grenze. „Dort wollen wir die Menschen unterstützen, die vor dem Krieg fliehen“, sagt ein Sprecher.