KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER* Üben!

von Redaktion

Noch ein paar Tage und die Passionszeit beginnt. Wer dazu aufgelegt ist, kann vorher noch ein kleines, feines Faschingswochenende begehen und fröhlich Krapfen essen. Einige Menschen werden allerdings der diversen Masken und Maskeraden eher überdrüssig sein. Zum Lachen gibt es auch herzlich wenig. Vielleicht finden sie Freude am diesjährigen Fastenmotto der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Üben! 7 Wochen ohne Stillstand“.

Es gibt viel zu üben in dieser Gesellschaft. Das zeigen diese Wochen und Monate in besonderer Weise. Zuhören, miteinander reden. Plausibilität erzeugen und Zweifelnde für die Vernunft gewinnen. Sich einfühlen in andere und in ihr Leiden. Menschliche Strukturen schaffen, in denen Kleine und Große atmen und leben, sich entfalten können, ohne unter Druck gesetzt oder gar missbraucht zu werden.

Üben ohne Stillstand. Das macht ein wenig atemlos. Es klingt gut protestantisch-emsig. Aber Feuereifer, der die inneren und äußeren Schweinehunde vertreibt, kann nicht schaden. Eine Tapferkeit, die darum weiß, dass es Energie braucht, um seelisches und materielles Elend zu besiegen. Dass es Rückschläge gibt, die ein munteres Vorwärts ausbremsen.

Jedes Üben zehrt. Kinder müssen wie ihre Lehrenden fliegende Wechsel von Schule zu heimischen Lern- und Lehrräumen verdauen. Ältere Menschen machen sich mit anstrengender Technik vertraut, um mit Enkeln zu kommunizieren. Am schwersten ist es, ganz neue Orientierung im Dasein zu finden. Weil eine Krankheit einen aus der Bahn geworfen hat oder man plötzlich ganz alleine ist. Üben… Leben üben. Jeden Tag neu.

Wer, passend zur Passionszeit, in der Bibel sucht, was deren Autoren zum Thema „Üben“ zu sagen haben, wird reichlich und überraschend fündig. Da wird Gewalt geübt, Rache, Vergeltung und Willkür. Offenbar auch ein Verhalten, ein bedauerliches, in das man sich hineinfindet, um sich durchzusetzen. Manch einer lernt schon früh, den eigenen Willen mit Wucht Realität werden zu lassen – egal, was das für andere bedeutet.

Hilfreich, dass die Bibel, genau genommen der darin geschilderte Herrgott, bessere Alternativen zu solch brachialem Leben anzubieten hat. Im Buch der Bücher wird davon gesprochen, dass man das Gesetz, dass man Recht und Gerechtigkeit üben soll: Tu, was allen Menschen zum Besten dient, nicht nur dir selbst. Dazu wird der Mensch aufgefordert, Barmherzigkeit zu üben, Gnade, Liebe, Nachsicht… Sieben Wochen sind dafür zu wenig. Aber ein Anfang.

* Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates

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