Karlsfeld – Lyuba Berchtenbreiter liest die Nachrichten vom russischen Einmarsch in die Ukraine noch in der Nacht. Sie findet keine Ruhe mehr. Statt zu schlafen, organisiert sie Autos. Schon einen Tag später ist die 26-Jährige aus Karlsfeld (Kreis Dachau) gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder unterwegs. Sie wollen zur ukrainischen Grenze – und ihren Freunden und Verwandten helfen, das Land zu verlassen.
Berchtenbreiter ist 2001 mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Aber ihr Onkel und viele Freunde befinden sich gerade mitten im Kriegsgebiet. Die Sorge um sie ist riesengroß. „Wir mussten etwas tun“, erzählt sie gestern am Telefon. Also packte sie Lebensmittel in die Autos, warme Decken und Jacken. Ihr Onkel darf – wie alle Männer zwischen 18 und 60 – nicht mehr ausreisen. „Er hat noch nie eine Waffe in der Hand gehalten und große Angst“, erzählt Berchtenbreiter. Nun musste er sich auch noch von seiner Familie verabschieden – ohne zu wissen, ob und wann er sie wiedersieht.
Die Karlsfelder kamen am Wochenende in Galatj an der rumänisch-ukrainischen Grenze an. Dort gibt es ein Studentenwohnheim, das zu einem Flüchtlingslager umfunktioniert wurde, erzählt die 26-Jährige. „Wir konnten dort übernachten.“ Sie ist überwältigt, von der Hilfsbereitschaft, die sie auf ihrer Fahrt zu der Grenze erlebt hat. „Überall unterwegs haben uns Menschen Lebensmittel oder warme Kleidung mitgegeben.“
Lyuba Berchtenbreiter hat nicht nur viele Stunden am Steuer verbracht – sondern auch am Telefon. Sie war in Verbindung mit der Stieftochter ihres Onkels, die schwanger und mit einem kleinen Kind versuchte, zur Grenze durchzukommen. Auch mit einem guten Freund aus ihrer Kindheit telefonierte sie. Er selbst war nicht mehr in der Ukraine, als der Krieg ausbrach. Aber seine Frau und sein anderthalbjähriges Kind. Auch sie wollte Berchtenbreiter einsammeln. Freunde von ihr waren vor den Raketenangriffen in eine U-Bahn-Station geflüchtet und nicht mehr in ihre Wohnungen gekommen. Auch ihnen gelang es, sich bis zur Grenze durchzuschlagen. Und dann ist da noch eine Großmutter, die mit ihrer fünfjährigen Enkelin flüchtete. „Die Mutter des Kindes war übers Wochenende in Lemberg“, erzählt die Karlsfelderin. „Sie versuchte allein, zum Treffpunkt zu gelangen. Den Pass brachte ihre Mutter mit.“
Montagmorgen sitzen 13 Menschen in den vier Autos. „Wir sind bereits auf dem Weg zurück nach Hause“, sagt Berchtenbreiter. Einige ihrer Freunde werden bei ihrer Familie unterkommen, andere in Unterkünften, die der Landkreis organisiert. Sie ist froh, dass sie ein paar ihrer Freunde helfen konnte. Doch wirklich erleichtert ist niemand. „Wir hören während der Fahrt die ganze Zeit die Nachrichten“, erzählt sie. Es werde viel geweint im Auto. „Die Traurigkeit ist groß.“ Genau wie die Angst um die Männer, die zurückbleiben mussten.