München – Die Kuh gehört zum Bild der bayerischen Alpen wie kaum ein anderes Tier. Dabei waren Schafe und Ziegen die ersten Nutztiere, die in den höheren Alpentälern gehalten wurden. Diese Tiere hatten die Menschen aus dem vorderen Orient mitgebracht – in der Balkanregion hatten sich vor mehr als 8000 Jahren die ersten Bauern Europas angesiedelt. Zu dieser Zeit befanden sich die Menschen in der Alpenregion noch ganz am Beginn des Übergangs vom Jäger und Sammler zum sesshaften Hirten. Wie genau diese Transformation von der Natur- zur Kulturlandschaft abgelaufen ist, das wollen sich Forscher nun am Beispiel des Werdenfelser Landes genauer ansehen. Bei der Spurensuche helfen Schülerinnen und Schüler aus der Region.
Archäologin Caroline von Nicolai ist Teil des Forschungsteams, das den Blick auf die Epoche der Jungsteinzeit (in der Fachsprache: Neolithikum) im Alpenraum wirft und von der LMU München und der Uni Innsbruck koordiniert wird. Vom Beginn der Jungsteinzeit sprechen Archäologen und Historiker, sobald sich die Menschen in einer Region nicht mehr nur von dem ernähren, was sie gejagt oder gesammelt haben, sondern auch eigene Tiere halten und beginnen, Nutzpflanzen anzubauen. „Wann genau das im Voralpenland angefangen hat, darüber wissen wir bisher noch relativ wenig“, sagt von Nicolai. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Menschen in den größeren Höhenlagen Bayerns etwas länger für diesen Übergang brauchten als etwa in den fruchtbaren Lössgebieten an der Donau. Dort gehen Wissenschaftler davon aus, dass die ersten Menschen um 5500 vor Christus sesshaft wurden. „Im Werdenfelser Land hat es wohl noch rund 1000 Jahre länger gedauert“, sagt Caroline von Nicolai. Bis dahin lebten die Menschen wohl noch ein Nomadenleben und machten Jagd auf Gams- und Steinwild, um zu überleben.
Hinweise auf erste sesshafte Menschen im Werdenfelser Land geben Funde wie ein Steinbeil aus Gerold, das Forscher auf die Zeit um 5000 vor Christus datieren und das heute im Bestand des Museums Werdenfels ist. „Solche Werkzeuge kennt man in dieser Zeit etwa aus der Straubinger Gegend. Nun stellt sich die Frage, ob auch im Werdenfelser Land schon Ackerbauern aktiv waren, oder ob hier ein Tauschhandel mit anderen Regionen stattgefunden hat“, sagt die Archäologin.
Um weitere Hinweise auf diese Epoche zu finden, gehen die Forscher regelmäßig Gebiete ab, an denen entweder bereits Stücke aus dieser Zeit gefunden wurden, oder Orte, an denen damals schon Menschen gelebt und gesiedelt haben könnten. „Am Staffelsee, im Murnauer Moos, im Tannheimer Tal oder im Loisachtal waren wir zum Beispiel schon mehrfach unterwegs“, berichtet von Nicolai. Auch Taucher waren schon im Einsatz. Unterstützt werden sie bei dieser Spurensuche auch von Schülern aus der Region, die sich am Werdenfels- oder am Staffelsee-Gymnasium in Wahlkursen oder Arbeitsgruppen für das archäologische Projekt interessierten. Bei den Begehungen wird etwa nach Keramik oder den Überresten historischer Steinwerkzeuge gesucht. „Da kommen immer wieder Dinge an die Oberfläche.“ Diese Funde sollen nicht nur die Wissenschaft bereichern, sondern auch Thema im Schulunterricht werden. Die Forschungsergebnisse fließen in Lehrfilme ein, auch Exkursionen und Vorträge in der Region sind geplant. Das Forschungsprojekt läuft noch bis Juni.
Und auch die heimische Bevölkerung kann mithelfen, die Geschichte des Werdenfelser Landes zu ergründen, sagt von Nicolai. „Wer interessante Funde – etwa historische Steinwerkzeuge – zu Hause hat, kann sich gerne bei uns melden.“ Jeder Fund, der womöglich noch zu Hause in der Garage schlummert, kann ein kleiner Teil im großen Puzzle der Menschheitsgeschichte sein.
Kontakt zu den Forschern
Wer einen Fund melden möchte, kann sich per E-Mail unter gruenlandwerdenfels@gmail.com melden.