Nachspielzeit für Bayerns Meiler?

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM UND SEBASTIAN HORSCH

München/Gundremmingen – Ohne Atomkraftwerk kennt Anton Frei seinen Heimatort gar nicht. „Ich war zwei Jahre alt, als es in Betrieb ging“, erzählt der zweite Bürgermeister von Gundremmingen – heute ist er 62. Zum Jahresende wurde der Betrieb eingestellt, das Kraftwerk befindet sich seitdem im Nachlauf. „Der Großteil im Ort fand es sehr schade, dieses gut funktionierende Wirtschaftsunternehmen abzuschalten“, sagt Frei. Doch Deutschland steigt aus der Erzeugung von Atomstrom aus. Ende dieses Jahres sollen auch noch die letzten drei Meiler vom Netz gehen – Isar 2 bei Landshut, Emsland bei Lingen und Neckarwestheim 2. Das war’s dann. Eigentlich.

Denn mit Putins Angriff auf die Ukraine schwankt auch diese Gewissheit. Von eingekaufter russischer Energie will plötzlich niemand mehr abhängig sein. Bund und Länder suchen nach Alternativen. Eine Möglichkeit wäre, die Laufzeit des letzten bayerischen Atomkraftwerks Isar 2 bei Landshut zu verlängern, findet Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hält eine Weiternutzung für denkbar. Zudem prüft die Staatsregierung auch die Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks in Gundremmingen. „Viele hier, auch ich persönlich, würden die Reaktivierung sehr begrüßen“, sagt der zweite Bürgermeister Frei.

Auch die Kraftwerkbetreiber öffnen die Tür für die Politik einen Spalt. Angesichts der Ausnahmesituation sei man „bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, teilt PreussenElektra mit. RWE, der Betreiber des abgeschalteten Atomkraftwerks in Gundremmingen, schließt einen Wiedereinstieg nicht aus. „Wenn die Behörde im Zuge einer Prüfung auf uns zukommt, stellen wir die angefragten Informationen selbstverständlich zur Verfügung“, heißt es gegenüber unserer Zeitung. Der Verband „Kerntechnik Deutschland“ positioniert sich sogar offensiv dafür.

Doch obwohl Fachleute einen Weiterbetrieb grundsätzlich für möglich halten, könnte sich das Vorhaben in der Praxis als kompliziert erweisen. PreussenElektra hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass man nicht mehr über die nötigen Brennelemente verfüge und auch das nötige Personal erst wieder aufbauen müsste. Bei bereits abgeschalteten Kraftwerken wie in Gundremmingen dürften die Herausforderungen nicht kleiner sein.

Die Entscheidung fällt letztlich in Berlin. Die Ampelkoalition lässt eine Verlängerung der Laufzeiten zwar gerade prüfen, doch die Begeisterung hält sich in Grenzen. „Für den Winter 2022/23 würde uns die Atomkraft nicht helfen“, sagt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Und die Vorbereitungen für die anstehenden Abschaltungen seien so weit fortgeschritten, dass die AKW „nur unter höchsten Sicherheitsbedenken und möglicherweise mit noch nicht gesicherten Brennstoffzulieferungen“ weiter betrieben werden könnten: „Und das wollen wir sicher nicht.“

Auch in Bayern gibt es Gegenstimmen. Zum einen natürlich von den Grünen. „Eine Laufzeitverlängerung für Kohle oder die Renaissance von Atom sind Tagträume der Ewiggestrigen“, sagt Fraktionschef Ludwig Hartmann. Auch weil sich Deutschland in Wahrheit nicht in einer Energiekrise befinde – schon gar nicht im Stromsektor. „Wir befinden uns vielmehr in einer Energiepreiskrise, die wir kurzfristig nur durch Einsparung, Effizienz und staatliche Unterstützung meistern können“, sagt er.

Und selbst Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ist zwar dafür, wieder deutlich mehr auf Kohle zu setzen, gibt sich beim Thema Atomkraft aber skeptischer als Söder. „Die Kehrseite des Atomstroms ist das Thema Sicherheit“, sagt Aiwanger der „Augburger Allgemeinen“ – nicht zuletzt mit Blick auf die Ereignisse in der Ukraine.

Auch Gundremmingens zweitem Bürgermeister bereitet es Sorgen, „wenn man hört, dass in der Ukraine Kernkraftwerke im Kampf beschädigt werden“. Gedanken um die Sicherheit in Gundremmingen macht Frei sich aber nicht. „Die Nachbarländer haben nicht so hohe Sicherheitsstandards wie wir“, betont er. „Und das Kernkraftwerk bietet dem Bürger eben sichere und bezahlbare Energie.“

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