Du kriegst die Welt nicht besser gemeckert, du musst sie besser machen – das ist ein Leitsatz in Katharina Schulzes Elternhaus. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag ist das für die 36-Jährige Beruf und Berufung. Vor allem für berufstätige Mütter macht sie sich stark.
Sie sind im Juni Mutter geworden und nehmen Ihren Sohn auch mit zur Arbeit in den Landtag. Welche Reaktionen gibt es?
Kolleginnen und Kollegen meiner Fraktion freuen sich, wenn der Kleine dabei ist und wollen ihn auf den Arm nehmen. Die Unterstützung freut mich sehr und zeigt, dass man manchmal Dinge einfach machen muss. Für mich war klar, dass ich nach dem Mutterschutz wieder arbeiten will. Im Abgeordnetengesetz ist keine Elternzeit vorgesehen und den Kita-Platz gibt es erst ab einem Jahr. In der Zwischenzeit mache ich mit meinem Sohn Politik. Die Möglichkeit, Sitzungen digital abzuhalten, kommt mir da natürlich entgegen.
Bei Politikerinnen wird oft öffentlich diskutiert, ob Amt und Mutterschaft vereinbar sind. Bei Männern wird das nie gefragt.
Ein gutes Beispiel, welchen Doppelstandards Frauen in Führungspositionen oder generell im Berufsleben noch immer ausgesetzt sind. Gefühlt können sie es keinem recht machen. Gehen sie in die Arbeit, sind sie vermeintlich Rabenmütter. Bleiben sie zu Hause, sind sie angeblich Heimchen am Herd. Die Erwartungen, wie eine Mutter zu sein hat, prasseln derart auf einen ein, dass es nur eine Lösung gibt: sich davon lösen. Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, dass jede Frau und jede Familie das Leben so gestalten kann, dass es für sie passt. Ich merke aber auch, dass sich langsam etwas ändert. Mein Partner (der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz, Anm. d. Red.) wurde schon mehrfach gefragt, wie er sein Amt mit der Familie vereinbart. Das ist gut.
Was muss sich konkret und schnell ändern, um die Gleichberechtigung weiter voranzutreiben?
Da gibt es viel zu tun. Gleiches Geld für gleichwertige Arbeit. Und: die Hälfte der Macht den Frauen. Wir kommen um Quoten in Politik und Wirtschaft nicht herum. Außerdem brauchen wir einen Ausbau der Kinderbetreuung, die uns auch etwas wert sein muss. In unserer Gesellschaft gibt es noch immer die Einstellung: Man muss sich als Frau nur genug anstrengen, dann kann man auch Karriere machen. Diese Haltung individualisiert die strukturellen Probleme und macht Frauen zusätzlich Druck. Es ist nicht machbar, Vollzeit zu arbeiten und zu Hause den Großteil der Care-Arbeit zu übernehmen. Auch der Tag einer Frau hat nur 24 Stunden.
Trauen sich Frauen manchmal selbst zu wenig zu, wenn sich eine Aufstiegschance bietet?
Wir leben immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der den Geschlechtern bestimmte Rollen zugewiesen werden – und wenn es nur unterbewusst passiert. Wenn einem Mädchen schon in der Kindheit gesagt wird „Sei nicht so laut“, verinnerlicht es diese Stereotype. Jungs hören dagegen: „Wehr dich!“ Da gibt es Prägungen und Zuschreibungen, die wir dringend aufheben müssen.
Als Politikerin wissen Sie das am besten.
Wenn eine Abgeordnete am Rednerpult deutlich, hart und klar etwas formuliert, heißt es: Huch, da wurde sie aber sehr laut und hysterisch. Wenn ein männlicher Kollege Klartext redet, dann haut er auf den Tisch und macht deutlich, wofür er steht. Die Politik ist auch 2022 noch sehr männlich dominiert. In der Kommunalpolitik sind Frauen manchmal mit der Lupe zu suchen. Es gibt kaum Bürgermeisterinnen in Bayern und im Landtag liegt die Frauenquote bei 27 Prozent.
Frauen werden in der Politik auch oft über ihr Aussehen definiert.
Ja, in Porträts wird geschrieben, ob man ein buntes Kleid trägt oder nicht. Über die schlecht sitzenden Anzüge mancher Herren wird kein Wort verloren. Selbst der Hass, der Politikerinnen und Politikern entgegenschwappt, hat einen Gender-Aspekt. Frauen werden oft über den Körper abgewertet: zu hässlich, zu dick, zu dünn.
Interview: Sabine Schwinde