„Es geht um mehr als Schlafplätze“

von Redaktion

Psychotherapeut erklärt, was traumatisierten Geflüchteten helfen kann

Viele Ukrainer, die gerade Bayern erreichen, kommen hier mit schweren Traumata an. Sie hatten noch keine Zeit, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Viele werden auch von ihren Gastfamilien Unterstützung dabei brauchen, sagt Guido Terlinden, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeut bei Refugio München. Er hat einige Ratschläge, wie Helfer den Geflüchteten nun Halt geben können.

Die Menschen, die aus der Ukraine vor dem Krieg geflohen sind, haben nur wenige Tage Flucht hinter sich. Viele Erlebnisse sind noch frisch. Wie schwer sind sie traumatisiert?

Viele befinden sich in einer Phase der Akuttraumatisierung. Sie haben gesehen, wie Menschen gestorben sind, mussten Verwandte und Freunde zurücklassen. Das kann zu starken psychischen Reaktionen führen. Das äußert sich zum Beispiel in einem Ohnmachtsgefühl, starken Ängsten, emotionaler Taubheit oder Schlafstörungen.

Viele kommen erst mal in privaten Haushalten unter. Was raten Sie den Menschen, die Geflüchtete aufgenommen haben? Wie geht man mit Traumata am besten um?

Diese große Solidarität ist für die Ukrainer ein sehr wichtiges Signal. Trotzdem sollte sich jeder, der Geflüchtete bei sich aufnimmt, der großen Verantwortung bewusst sein. Es geht um mehr als einen Schlafplatz. Viele Geflüchtete brauchen erst einmal Ruhe – aber sicher auch Unterstützung und Aufmerksamkeit. Einige Familien sind von Corona noch schwer gebeutelt und sollten sich vorher die Frage stellen, ob sie das schaffen können.

Wie können wir es den Geflüchteten leichter machen?

Wer etwas Traumatisierendes erlebt hat, braucht erst mal Struktur und Orientierung. Auch Beschäftigungen sind wichtig. Ich rate dazu, die Geflüchteten in den Tagesablauf einzubinden, ihnen zum Beispiel anzubieten, beim Kochen zu helfen. Auch der Kontakt zu Muttersprachlern ist nun sehr wichtig. Er gibt Halt.

Raten Sie davon ab, mit den Menschen die Nachrichten anzusehen?

Die Nachrichten sind schwierig zu verkraften. Ich rate dazu, nicht pausenlos zu verfolgen, was in der Ukraine passiert. Verbieten können wir es ja niemandem. Aber wir können versuchen, abzulenken, Spaziergänge vorschlagen – alles, was etwas beruhigt.

Ist es zusätzlich belastend, Fragen zu stellen?

Ich rate dazu, nicht gezielt zu den Erlebnissen des Krieges zu fragen und die Menschen schon gar nicht auszufragen. Aber es ist wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es ihnen leichter fällt zu reden – wenn sie das wollen. Besonders Kinder wollen manchmal nicht mit ihren Eltern darüber sprechen. Und gerade sie verstehen momentan auch vieles nicht.

Ist das auch ein Schutz? Oder macht es die Situation für Kinder schwerer?

Gerade die Kinder sind mit dieser Situation völlig überfordert. Sie erleben ihre Eltern am Rande der Kräfte. Sie können vieles nicht einordnen. Dazu kommt, dass ihre Alltagsstrukturen völlig weggebrochen sind – das macht sie anfälliger für Traumata. Die Schulen werden dabei eine große Hilfe sein, sie liefern Struktur und Beschäftigung. Jede Form der Ablenkung ist für Kinder wertvoll. Es ist bereits erwiesen, dass die Kinder, die Stofftiere dabeihaben oder geschenkt bekommen, besser mit der Situation umgehen können. Auch Spiele können helfen – sogar am Handy.

Welche Hilfen gibt es für Helfer, die mit den Traumata überfordert sind?

Es gibt viele Beratungsstellen, die helfen können, zum Beispiel bei Caritas oder Diakonie. Auch Refugio München bietet Rat und Hilfe an (Kontakt: 089/98 29 57 11 oder info@refugio-muenchen.de). Wir fahren unser Beratungsangebot hoch, um allen helfen zu können. Allerdings gibt es in Bayern viel zu wenig psychosoziale Stellen, die auch mit Dolmetschern arbeiten. Viele der Geflüchteten sprechen weder Deutsch, Englisch oder Französisch. Außerdem gibt es natürlich noch viele andere Geflüchtete, die unsere Hilfe brauchen. Für den Heilungsprozess ist es hemmend, nicht zu wissen, ob sie in Deutschland bleiben können. Da tun sich die Menschen aus der Ukraine leichter.

Sie stehen bei der Verarbeitung aber noch ganz am Anfang.

Ja. Momentan leisten wir für die Kriegsflüchtlinge noch eine Art psychische Erste Hilfe. Sie werden versorgt, beraten und beschäftigt. Langfristig werden wir die Kapazitäten aber aufstocken müssen. Therapien können Jahre dauern. Besonders Kinder leiden manchmal sehr lange.

Sind Kriegstraumata am schwersten zu überwinden?

Der Krieg verursacht komplexe Traumata. Die Menschen haben Tote und Elend gesehen und oft alles verloren. Wer einen schweren Unfall hatte, kommt irgendwann in eine gewohnte Umgebung zurück. Die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, haben nichts, das ihnen Halt gibt. Sie sprechen nicht mal unsere Sprache. Und viele von ihnen werden vermutlich auch noch weitere schlimme Nachrichten aus ihrer Heimat bekommen.

Interview: Katrin Woitsch

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