DAS PORTRÄT

Tankwart mit Weitblick

von Redaktion

Nur ein paar hundert Meter hinter der österreichischen Grenze, einen Katzensprung über den Inn, kostet der Liter Sprit in diesen teuren Zeiten 30 bis 40 Cent weniger als zu Hause in München, Rosenheim oder Nürnberg. Kein Wunder, dass die meisten Auto- oder Lkw-Fahrer von der Inntalautobahn über die Brücke zu Karl Thrainers Tankstelle kommen. In Niederndorf in Tirol ist er Herr über 24 Zapfsäulen. Die österreichische Mineralölsteuer machts möglich: „Wien schlägt nur 39 bzw. 48 Cent Steuer auf den Liter Diesel bzw Super drauf“, erklärt Thrainer. „Davon profitiere ich.“ Den Treibstoff kauft er in Raffinerien in Ingolstadt und Neuburg an der Donau, seine günstigen Verkaufspreise sind überregional bekannt und lassen das Geschäft brummen. Touristen auf dem Weg in oder vom spritpreismäßig teuren Süden, Tagesausflügler und natürlich Stammkunden aus dem Inntal bis hinauf nach Rosenheim – sie alle stellen sich gern in die Warteschlange, um beim Tanken in Tirol zu sparen. Karl Thrainer freut’s: „Wir sind ein echter Anziehungspunkt für deutsche Autofahrer.“

Seit 1919 versorgt seine Familie die Menschen der Region mit Treibstoff. Zuerst in der Dorfschmiede in Niederndorf, da gab’s Petroleum aus der Blechkanne. Später zog die Tankstelle ans Innufer, seit 1990 führt Karl Thrainer die Geschäfte. Der heute 54-Jährige hat die Handelsschule besucht. Jeden Tag steht er frühmorgens in seinem Kassenraum. Dort verkauft er nicht nur Mineralölprodukte jeder Art. Es gibt Kaffee, Würstl, Brotzeiten, Vignetten und Zeitungen. Und immer öfter auch Strom: „Wir müssen uns auf die künftigen Antriebsarten einstellen“, sagt der Tiroler. Eine Photovoltaik-Anlage auf seinen Dächern soll bald 650 Kilowattstunden liefern, 60 Strom-Ladesäulen für E-Autos und Pedelecs sind in Vorbereitung, aus dem vorbeirauschenden Inn könnte bald Energie für die Kundschaft gewonnen werden. Trotzdem sagt Thrainer: „Ich glaube auch in Zukunft an den Energie-Mix für unsere Mobilität, Strom allein kann’s nicht richten, auch wenn das aktuell politisch gewünscht ist.“ Die nötige Gelassenheit fürs aufgeheizte Geschäft mit der Energie tankt er abseits seiner Zapfsäulen: beim Musizieren mit der Dorfkapelle Niederndorf und beim Skitourengehen oder Mountainbiken in den Bergen. LUTZ BÄUCKER

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