München – Auf ihrem Instagram-Kanal nimmt Theresa Singer ihre Beobachter aus dem Internet regelmäßig mit in die Natur. Neulich stieg die 29-jährige Junglandwirtin aus Spatzenhausen im Kreis Garmisch-Partenkirchen auf ihre Zündapp und bretterte über die Wiesen, um Bodenproben zu nehmen. Ihre knapp 9000 Follower können das auf Video verfolgen, dazu gibt’s einen kurzen Grundkurs in Bodenkunde – warum sind die Proben nötig und was wird dabei bestimmt? Die Botschaft kommt an bei den Insta-Nutzern: 942 Likes haben sie bei Singers Post dagelassen.
„Ich will den Leuten einfach zeigen, was wir Landwirte im Alltag so machen“, sagt Singer, die auf einem Milchviehbetrieb mit 50 Kühen zu Hause ist. Als wegen der Pandemie das gesellschaftliche Leben weitgehend brach lag, fasste sie den Entschluss, ihren Beruf in den sozialen Medien vorzustellen. In den Medien werde oft sehr emotional über die schwarzen Schafe der Branche berichtet. Dieses Bild will sie ausbalancieren. „Ich will zeigen, dass hinter jedem Hof ein Mensch steht, der seine Arbeit mit Leidenschaft macht.“
Und die Zahl der Influencer auf dem Bauernhof wird immer größer. Die Hochschule Weihenstephan hat gemeinsam mit der TU München die Social-Media-Nutzung in der bayerischen Landwirtschaft untersucht. Das Ergebnis einer Befragung unter rund 300 Landwirten, darunter auch Theresa Singer: Rund zwei Drittel sind aktiv auf sozialen Medien unterwegs, ein Drittel nutzt die Plattformen, um den eigenen Betrieb zu präsentieren. Tendenz steigend. Überdurchschnittlich aktiv sind Direktvermarkter, darunter viele Öko-Betriebe. Ebenfalls auffällig: Überdurchschnittlich viele Frauen nutzen Facebook, Instagram und Co., um Einblicke in die Branche zu geben. Hauptanliegen der aktiven Social-Media-Nutzer: Das Ansehen der Landwirtschaft zu verbessern.
Viele verfolgen keinen ausgefeilten PR-Plan, sondern wachsen in ihre Rolle hinein. Wie Isabell Schraudolf. Die 19-Jährige startete auf Instagram mit einem Tagebuch über ihren Ochsen Teddy. Mittlerweile hat sie fast 33 000 Follower, die sie virtuell mit zum Maishäckseln oder zur Stallarbeit nimmt.
Oder Max Knoller, 27, der mit seinen Eltern einen Bio-Hof in Dießen am Ammersee betreibt. Hofhund Abby hat es auf seinem Instagramaccount schon zu einiger Berühmtheit gebracht, sodass Knollers Eltern immer wieder staunen, wenn Besucher beim Eierkauf auf dem Hof sofort wissen, wie der kleine Vierbeiner heißt. „Als Direktvermarkter spricht man so einfach viel mehr Menschen an. Die Leute wollen eine Geschichte zu ihrem Produkt“, sagt Knoller.
Doch nicht immer sprudeln die Likes, wenn Landwirte über ihren Alltag berichten. Die Befragung der Hochschule zeigte: Alles rund ums Thema Tiere findet den größten Widerhall in den sozialen Netzwerken. Sowohl positiv, wenn die Jungbauern ihre Kühe, Ziegen und Pferde herzen. Aber auch negativ, wenn über Haltungsfragen debattiert wird.
Das erlebt auch Theresa Singer. „Immer wieder kommen etwa Fragen, warum wir unsere Kälber von den Müttern trennen.“ Dann versucht sie zu erklären, dass ihr Betrieb kein Gnadenhof sei und sie auch wirtschaftlich denken müsse. Dass sie trotz der Liebe zu ihren Tieren auch gerne deren Fleisch esse – „weil ich dann weiß, wie sie aufgewachsen sind“. Nicht immer komme man dabei auf einen gemeinsamen Nenner. „Aber wenn wir Landwirte mit unseren Auftritten in den sozialen Medien dazu beitragen können, Gesellschaft und Landwirtschaft wieder näher zusammenzubringen, ist viel gewonnen.“ DOMINIK GÖTTLER