KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER* In guten und in bösen Tagen

von Redaktion

Bei der kirchlichen Trauung eines Paares wird die Frage gestellt, ob die beiden einander lieben und ehren und die Ehe nach Gottes Gebot und Verheißung in guten und in bösen Tagen führen wollen, bis der Tod sie scheidet. Gemeinhin antworten die Partner: „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Manche machen aus dem Begriffspaar „gute und böse Tage“ das gefälligere „gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Klingt mehr nach „alles halb so wild“.

Aber das ist Blendwerk. Es gibt gute Tage für Eheleute, Freunde, für Völker und Nationen. Für die, die zusammenstehen. Und es gibt nicht schlechte, sondern verflucht böse Tage. Wochen, Monate, in denen einer krank ist und vielleicht nie wieder gesund wird. Böse Zeiten, in denen man sich streitet ohne Unterlass – bis zum Ende einer Beziehung. Es gibt böse Zeiten, wenn Krieg herrscht, weil einer den anderen hinterrücks überfällt und ihm alles an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten nehmen will.

Böse Zeiten sind Teil der Wirklichkeit. Ein Teil, der sich nicht wegleugnen, durch Harmoniesucht zum Verschwinden bringen lässt. Wer das Abgründige verdrängt, bei dem wird es sich durch die Hintertür wieder einschleichen oder gleich das Portal eintreten. Besser ist, sich mit dem Bösen auseinander zu setzen. Noch besser, wenn man damit nicht allein auf sich gestellt ist. Auch in der bösen Zeit, die wir in der Ukraine und bei uns gerade miterleben. Menschen sind nötig, die füreinander da sind, wenn einer gebeutelt wird von Leid, von verheerender Angst.

Die entscheidende Frage lautet, wie wir mit den üblen Situationen des Lebens umgehen und worauf wir uns gründen, wenn die selbst gelegten Fundamente brüchig werden. Jetzt, in dieser Zeit, heißt es klar bleiben in Gedanken, Worten und Taten, in die Öffentlichkeit gehen, offen reden. Manchmal mag es der Familie oder Freundeskreis sein, wo man sich bespricht – auch daraus erwächst neue Kraft. Es ist erforderlich, auf die eigene geistige, seelische Gesundheit zu achten. Sich nicht verrückt machen zu lassen. Den Raum für Nachrichten beschränken. Zeiten für kleine, intensive Freuden vorsehen.

Wer kann, mag seinen Glauben hervorkramen. Den „ausgesprochenen“ Mut, sich gegenseitig und dem Herrgott zu sagen, was einem durch den Kopf geht und auf der Seele liegt. Wir brauchen nicht den Geist der Angst und der Furcht, sondern den der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Das ist der biblische Spruch, der mir für mein ganzes Pfarrerinnenleben mitgegeben wurde. Dieser Geist inspiriert zu einem Leben in Verantwortung für diese Welt. Wohl wissend: Es gibt nicht bloß schlechte, sondern richtig böse Tage. Aber die Macht von Tod und Teufel hat Grenzen.

* Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates

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