München – Vor zwei Jahren wurde das Leben von Marcel Mayr komplett auf den Kopf gestellt. Dem Verlust seines geliebten Jobs als Altenpfleger folgte eine märchenhafte Karriere als Internet-Star. Eine Geschichte wie aus Hollywood.
Knapp sechs Jahre lang hatte der Münchner alte Menschen umsorgt, sie gewaschen, ihnen Essen und Medikamente gebracht. Dann war alles vorbei – wegen eines unglücklichen Fehlers. Sein Arbeitgeber habe ihm damals versehentlich zu viel Lohn überwiesen, sagt Mayr. Weil er das Geld nicht sofort zurückzahlen konnte, überwarf er sich mit den Chefs. Sie lösten den Vertrag auf. Eine Welt brach für Mayr zusammen: „Ich habe damals den Glauben an die Menschheit verloren“, sagt er. Ein bisschen auch an seinen Beruf. „Einen Plan B hatte ich nicht“, sagt er.
Dann lud er rund zwei Wochen nach seinem letzten Arbeitstag einen lustigen Clip auf die Videoplattform TikTok im Internet – „aus Langeweile“, wie er sagt. Ein spaßiges Video, in dem er ulkig seine Stimme verstellte. Nach nur sechs Stunden sahen es sich bereits über eine Million Zuschauer an. „Das war wirklich verrückt, wie schnell das ging“, erinnert er sich. Er machte weiter, produzierte immer neue Videos – kurz darauf nahm ihn eine Agentur unter Vertrag. Unter dem Pseudonym Manicoleress wurde der heute 27-Jährige in kurzer Zeit zum Star. Seine Clips, eine Mischung aus Stimmimitationen, Sketchen, Schauspiel und Comedy, sehen regelmäßig mehrere Millionen Zuschauer.
Und auch wenn ihn mittlerweile in München auf der Straße öfters Leute auf seine Videos ansprechen, auch wenn er von TikTok sehr gut leben kann, seinem früheren Beruf wollte er nicht ganz den Rücken kehren. „Wenn ich gar niemanden helfen könnte, wäre ich nicht erfüllt.“ Denn in der virtuellen Welt des Internets fehle ihm manchmal das Zwischenmenschliche, das Direkte.
Deshalb schaut Mayr freiwillig immer noch ein- bis zweimal pro Woche in der Münchner Wohnung von Dietmar Grünewald vorbei. Mayr lernte den heute 84-Jährigen noch während seiner Zeit als Pfleger kennen. „Wir freundeten uns in gewisser Weise an“, sagt Mayr. Er habe Dietmar Grünewald damals versprochen, sagt Mayr, dass er alles dafür tun wolle, damit der Rentner nicht ins Pflegeheim müsse. Seitdem kocht Mayr regelmäßig für ihn, macht seine Wäsche, hilft ihm mit Briefen. „Er ist auch eine Stütze in meinem Leben, er gibt mir Ratschläge und unterstützt mich“, sagt Mayr. Auch in der Zeit, als er seinen Job verlor, schenkte ihm Grünewald Kraft, heiterte ihn auf.
Mit seinen Videos wolle Mayr das auch machen: „Das Schönste ist, wenn mir Zuschauer persönlich schreiben, dass ich ihnen in schweren Zeiten ein bisschen Ablenkung verschaffen konnte.“ Seine soziale Ader – auch im Internet kann er sie nicht ganz ablegen. JULIAN LIMMER