München – Um 10 Uhr trifft Tamara Bykova (32) am Hauptbahnhof ein. Schon seit über einer Woche hilft sie als Dolmetscherin ehrenamtlich mit. Andere sind bereits seit 7 Uhr in der Früh hier. Dann kommen die ersten Züge aus Deutschlands Nachbarländern an – und mit ihnen die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine.
Zunächst heißt es für Tamara, sich auf den neuesten Stand zu bringen: Welche Regeln gelten, wo werden die Ankommenden untergebracht? Dafür gibt es eine eigene Telegram-Gruppe mit rund 2000 Mitgliedern. Zudem gibt’s Infos von der Caritas, die ebenfalls seit den frühen Morgenstunden am Bahnhof im Einsatz ist.
Die häufigsten Fragen der Ankommenden: Wie geht es weiter? Welchen Status haben wir? Wo müssen wir uns registrieren? Wo können wir schlafen? Welche Hilfe bekommen wir? Um Antworten geben zu können, haben die freiwilligen Helfer immer einen Zettel mit den wichtigsten Infos bei sich.
Tamara lebt seit 2017 in München und studiert Deutsch als Fremdsprache. Sie hat selbst gar keinen Bezug zur Ukraine. Sie ist Kasachin – und spricht Russisch. Und das reicht, um sich mit den Ukrainern zu verständigen. Die Lage in der Ukraine macht die 32-Jährige sehr betroffen. Für sie war sofort klar, dass sie helfen will.
Zurück zum Hauptbahnhof: Nachdem sich Tamara einen Überblick verschafft hat, geht es los. Ein Ehepaar bietet einer jungen Mutter mit ihren zwei Kindern einen Schlafplatz an. Es stellt sich heraus, dass die Flüchtlingsfamilie auf die Weiterfahrt nach Italien wartet.
Um 10.45 Uhr spricht Tamara mit Vertretern des Jugendamts. Die sieht sie hier das erste Mal und ist sehr froh darüber. Nach einem kurzen Austausch ist klar: In der Arnulfstraße wartet ein Bus, der Ankommende in die Riesstraße bringt. Dort werden sie registriert und untergebracht.
„Hauptsache schnell, die Menschen sind müde“, sagt sie. Die Freiwillige fragt sich durch und sammelt so viele Familien wie möglich ein. Nach rund 20 Minuten hat sie genug zusammen. Los geht’s! Natürlich packt Tamara mit an und trägt einen Koffer. Der Bus wird beladen, kurz ist Zeit für einen kleinen Schluck Wasser. Dann geht’s zurück in die Bahnhofshalle und direkt weiter. Es ist 11.30 Uhr. Im Bus sind noch Plätze frei. Tamara greift zum Megafon und ermuntert zum Einsteigen. Geschafft, nach 90 Minuten unter Vollstrom bleibt kurz Zeit zum Durchatmen. Endlich.
Als Tamara gerade in ihre Brezn beißt, kommt eine junge Frau und hält ihr ein Handy hin. Auch Beratung am Telefon ist gefragt. Die Brezn muss warten. Die 32-Jährige hat kaum einmal Zeit zum Luftholen. Ungewohnt für sie.
„Eigentlich bin ich eher so, dass ich wenig rede“, sagt sie. Aber in dieser Krisensituation da zu sein, sei für sie ein keine Frage. Gegen 12.30 Uhr greift sie wieder zum Megafon. Manche Flüchtlinge haben nun sehr spezielle Fragen. Tamara ist ständig auf der Suche nach den richtigen Ansprechpartnern. Alle Fragen kann sie auch nicht beantworten.
Nach fünf Stunden auf den Beinen ist Tamara die Müdigkeit anzusehen. Aber noch ist nicht Schluss. Um 15.30 Uhr kommt der nächste Zug an – und mit ihm zahlreiche Geflüchtete: müde, hungrig, verängstigt und mit vielen Fragen. Kurz danach muss die alleinerziehende Mutter los, um ihre Tochter von der Schule abzuholen. Abschalten kann sie nicht. Im Traum holen sie die Geschichten der Ukrainer wieder ein. Das harte Los eines Engels.