Willkommensgruppen werden konkreter

von Redaktion

VON STEPHANIE EBNER

München – In Bayern besteht für minderjährige Kriegsflüchtlinge nach drei Monaten Schulpflicht. Doch solange will Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) nicht warten. „Wir wollen schnell etwas leisten“, sagte er gestern nach einer Kabinettssitzung. In Willkommengruppen, die es für alle Altersgruppen und Schularten geben soll, will der Kultusminister den geflohenen Kindern „eine geregelte Struktur mit festen Bezugspersonen“ anbieten. Idealerweise stammen die Fachkräfte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Ukraine selbst. In diesen Gruppen soll das Kennenlernen genauso ermöglicht werden wie Sprachförderung und Sport. Aber auch der Kontakt zur Heimat soll in diesen Gruppen aufrechterhalten werden. Der Besuch von Regelschulen steht erst einmal hintenan – vermutlich erst zum kommenden Schuljahr.

Wegen der Freizügigkeit der ukrainischen Flüchtlinge – also der Tatsache, dass sie sich niederlassen können, wo sie wollen – rechnet das Kultusministerium insbesondere in den Großstädten mit einem erhöhten Bedarf solcher Gruppen. Finanzielle Mittel sollen vom Freistaat zur Verfügung gestellt werden.

Größte Herausforderung bei der Beschulung der geflüchteten Kinder aus der Ukraine aber wird das Personal sein. Piazolo plant, Pensionäre aus dem Ruhestand zurückzuholen. Auch sei ein Aufstocken des vorhandenen Lehrpersonals denkbar – etwa die Hälfte der derzeitigen Lehrer arbeitet in Teilzeit. Auch Pädagogen aus der Ukraine sollen zum Einsatz kommen – diese will der Kultusminister unbürokratisch einsetzen.

Für die 14-jährige Lusine aus der Umgebung bei Charkiw war am vergangenen Montag bereits der erste Schultag in München. Ihre Gastfamilie hatte bei der Schulleitung des Luitpold-Gymnasiums angefragt, ob Lusine die Tochter in die Schule begleiten darf. Die Schulleitung willigte unbürokratisch ein, Lusine hat den Status eines Gastschülers.

Es sei sehr schön gewesen, zieht die Jugendliche nach dem ersten Tag Bilanz. Auf dem Schulhof hat sie sogar zwei Landsleute getroffen. Wenngleich der Schultag mit ungeheueren Schwierigkeiten verbunden war. Lusine spricht kein Englisch. Die Verständigung funktioniert nur mit Google-Translator, manche Lehrer erlauben aber kein Handy in der Schule. Trotz all der Schwierigkeiten hat Lusine die Stunden in der Schule genossen: „Es hat mich für ein paar Stunden abgelenkt.“ Sonst checkt das Mädchen ununterbrochen, ob es neue Nachrichten aus der Heimat gibt. Lusine kam mit ihrer Mutter Gohar (41) und Großmutter Mariam (61) in der vergangenen Woche über Polen nach München. Die drei Frauen hatten sich zur Flucht entschlossen, nachdem eine Rakete nur 20 Meter vom Gemüsestand der Großmutter eingeschlagen war.

Erste praktische Erfahrungen mit Flüchtlingskindern an seiner Schule hat Franz Kraxenberger bereits gemacht. Er ist in Kirchseeon (Landkreis Ebersberg) Rektor an der dortigen Grund- und Mittelschule. Der Pädagoge sagt: „In erster Linie geht es nicht um Beschulung. Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Kinder zu beruhigen und ihnen zu vermitteln: Hier seid ihr in Sicherheit.“ Denn man wisse nicht, was die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg nach Deutschland alles erlebt hätten. Für Kraxenberger ist klar, dass Schule allein diese Aufgabe nicht bewältigen könne. „Wir sind auf die Netzwerke und Ressourcen vor Ort angewiesen.“ Denn seiner Kenntnislage nach seien viele Schüler aus der Ukraine allein schon aufgrund von Corona in den vergangenen Monaten überhaupt nicht beschult worden. „Das wird für uns alle eine riesige Herausforderung.“

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