Hofstetten – Peter Leuschner sitzt am Eichentisch im Erkerzimmer seines Schlosses Hofstetten. Hier begannen seine Recherchen zum grausigen Sechsfach-Mord von Hinterkaifeck, einem Einödhof etwas nördlich von Schrobenhausen.
1974 hat der ehemalige Journalist der tz das ehemalige Jagdschloss der Eichstätter Fürstbischöfe 15 Kilometer westlich von Ingolstadt mit seiner Frau Helga und den Schwiegereltern gekauft – seitdem renovieren sie. Etwa eben so lang recherchiert Leuschner zu Hinterkaifeck, dort wo in der Nacht zum 31. März 1922 sechs Menschen mit einer Reuthaue ermordet wurden.
Das Schloss ist ihr ganzer Stolz – die Leuschners sind Fachleute für altes Gebälk. Während andere in die Berge fahren oder auf den Fußballplatz, besichtigte der Autor schon von Jugend an Burgen und Schlösser. Mit ihm kann man lange über die Frage philosophieren, warum alte Schlösser unbedingt mit reinem Kalkmörtel – und nicht etwa mit einer Pampe aus Zement – verputzt werden müssen. Auf der Reise durch das Donaumoos nach Hinterkaifeck wird Rast gemacht an einem alten Wasserschloss. Ein imposanter alter Kasten – aber, oh, oh, oh, im Mauerwerk gibt es Risse. „Falsch verputzt“, analysiert Leuschner.
Zurück von der Tour zur Mordstelle wuchtet der ehemalige Journalist Papierstapel auf den schweren Eichentisch. Man glaubt es nicht: Leuschner hat mehrere Bücher zum Mordfall geschrieben, alle Theorien über den Täter mit Datum und Uhrzeit akkurat analysiert. Aber seine Archivalien sind ein ungeordneter Haufen Papier. Also schichtet er hin und her, langt sich mit der Hand an die Stirn und stöhnt: „Eigentlich müsste man das alles mal sortieren.“
100 Jahre nach dem Mord ist der Fall nach wie vor ein Cold Case, ein ungelöster Mordfall. Leuschner erzählt vom ehemaligen Kriminalkommissar Konrad Müller, der 20 Jahre lang alle Spuren hin und her wendete. Vergebens. Vor einigen Jahren hat Müller seine Materialien – zwölf Aktenordner – dem Bayerischen Polizeimuseum in Ingolstadt übergeben – der Fall bleibt ungelöst.
Die vielen ergebnislosen Ermittlungen müssen schon den Münchner Chefermittler Georg Reingruber frustriert haben. Dabei scheuten er und sein Team auch nicht ungewöhnliche Wege, um den Mörder zu ermitteln.
Noch vor Ort am Einödhof im Donaumoos hatte ein Landgerichtsarzt die Leichen obduziert und ihnen die Köpfe abgetrennt. Köpfe von Erschlagenen, so hieß es damals, seien das beste Beweismittel – besser als jedes Foto. Doch die Ermittler hatten zunächst etwas anders vor: Sie schalteten vier Wochen nach dem Mord Hellseherinnen ein – vermittelt über die Nürnberger „Gesellschaft für wissenschaftliche Erforschung okkulter Erscheinungen“.
Aus heutiger Sicht klingt das abstrus – damals war es nicht so ungewöhnlich. Auch bei der Fahndung nach dem Mörder des sozialistischen Politikers Karl Gareis, der im Juni 1921 vor seiner Haustür in München-Schwabing erschossen worden war, hatte die Polizei ein Angebot eines angeblichen Hellsehers erhalten, der mittels eines Stücks vom Anzug des Opfers und seiner Fotografie Licht ins Dunkel bringen wollte. Im Fall Hinterkaifeck griffen die Ermittler, schon merkbar desillusioniert, dann zu. Staatsanwalt Ferdinand Renner machte sich im Mai 1922 mit sechs beschrifteten Schädeldecken mit dem Zug auf nach Nürnberg. Die beiden Frauen, die jeweils als Medium fungierten, verdächtigten nach Vorhalt eines Lichtbilds zwar eine zwielichtige Gestalt – aber natürlich kam nichts dabei heraus. Der Mann hatte ein Alibi. Wieder eine Spur, die im Sande verlaufen war. Bis 1926, so hat es Autor Peter Leuschner ausgerechnet, ermittelte die Polizei gegen nicht weniger als 105 Leute. Der Gesuchte war nicht dabei.
Eine Schlüsselrolle in dem Fall, das hätte die Polizei schon damals erkennen können, nahm die erschlagene Tochter des Altbauern, Victoria Gruber (verwitwete Gabriel), ein. Sie war besonders brutal erschlagen worden – der Täter hieb nicht weniger als neun Mal mit der Reuthaue auf ihren Kopf ein und würgte sie zudem. Abstrakt gesprochen wurde weit mehr Gewalt angewendet, als zur Tötung der Person notwendig gewesen wäre – die Polizei spricht in solchen Fällen vom „Übertöten“. Polizeischüler in Fürstenfeldbruck, die aufgrund der alten Akten 2007 eine moderne Tatortbeschreibung gefertigt haben, kamen zu dem Schluss, „dass sich die Tat hauptsächlich gegen Vic–toria Gabriel gerichtet“ hat.
Die Persönlichkeit der Bauerntochter, bei ihrem Tod 35 Jahre alt, war schillernd bis zwiespältig. Sie war seit ihrem 16. Lebensjahr von ihrem Vater Andreas sexuell missbraucht worden – später deutet vieles indes auf ein „höriges“, einvernehmliches Verhältnis hin, das Zeitgenossen als „Blutschande“ bezeichneten. 1915 hatte Andreas Gruber dafür eine einjährige Zuchthausstrafe erhalten, auch Victoria Gruber erhielt eine geringe Haftstrafe. Sie hatte im April 1914 Karl Gabriel aus dem nahen Weiler Laag geheiratet, der aber im August bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs eingezogen wurde und im Dezember 1914 in Frankreich fiel. Um die Vaterschaft des kleinen Josef, der am 7. September 1919 zur Welt kam und, gerade zwei Jahre alt, das jüngste Mordopfer war, gab es Streit mit dem Ortsbauernführer Lorenz Schlittenbauer aus dem nahen Dorf Gröbern. Mal erkannte Schlittenbauer die Vaterschaft an, mal stritt er sie ab. Letztlich konnte die Polizei nie klären, wer denn eigentlich der Vater von Josef war: Andreas Gruber? Lorenz Schlittenbauer? Ein unbekannter Liebhaber? Der Pfarrer bezeichnete Josef im Pfarrmatrikelbuch der Pfarrei Waidhofen als „illegal“ – sprich unehelicher Herkunft.
Lorenz Schlittenbauer wollte Victoria auch heiraten, aber Andreas Gruber war dagegen – worauf ihn Schlittenbauer Ende 1919 wegen fortgesetzter „Blutschande“ anzeigte. Das Verfahren wurde am 31. Dezember 1919 eingestellt. 1922 scheint der Streit erneut aufgeflammt zu sein, denn Victoria Gruber erwog eine Anzeige gegen Schlittenbauer wegen verweigerter Unterhaltszahlungen für den kleinen Buben Josef. Doch dazu kam es nicht.
War es also eine Beziehungstat? Das ist eine Theorie – aber sie ist natürlich nicht letztgültig zu erhärten. Schlittenbauer ist über eine erste Vernehmung hinaus nie intensiv verhört worden.
Es gibt Hinterkaifeck-Forscher, die Andreas Gruber als Mörder ansehen – der dann seinerseits einem Racheakt von Schlittenbauer zum Opfer gefallen sein soll. Es gibt die Theorie, auf dem Hof seien illegale Waffen der Reichswehr versteckt gewesen. Und so weiter. Der Mordfall von Hinterkaifeck bringt die Phantasie in Wallung.
Es ist ein mystery crime, an dessen Lösung sich noch viele versuchen werden. (Ende)